Au revoir!

Montag, 06.07.2015

Hier also der letzte Eintrag in meinem Blog. Es ist so traurig, dass diese Zeit nun vorbei ist, da möchte ich gar nicht anfangen.

Am 26. Juni bin ich zurück nach Deutschland gekehrt.

Die letzte Woche in Frankreich war voll von Abschieden von all den Leuten, die ich über das Jahr dort kennen gelernt habe. Und das waren so viele. Reiten, Laufgruppe und natürlich in der Résidence. Es gab eine kleine Abschiedsfeier mit allen Bewohnern und vielen Mitarbeitern. Da haben auch manche Bewohner noch eine kleine Rede gehalten und das war so berührend. Sie wollten mich gar nicht gehen lassen, ob ich sie mitnehmen könnte nach Deutschland... Naja, den meisten ist es jetzt wahrscheinlich auch wurscht, haha. Auf jeden Fall ist es ein gutes Gefühl, dass (die meisten) mich nicht vergessen werden, höchstens (einige) meinen Namen.

Auf der Abschiedsfeier habe ich noch so viele Geschenke bekommen. Ein großes Album mit einem Foto von jedem Bewohner und einer kleinen Zeichnung und/ oder einem kleinen Text. Wenn man alle Leute dort kennt, weiß man, wie viel es für manche bedeutet, ein Bild zu malen. Es gibt z.B. einen, der ist autistisch und macht sonst überhaupt nichts von wegen malen oder schreiben und er hat seinen und meinen Namen auf das Blatt Papier geschrieben. Das hat mich sooo gefreut!!! Generell war ich überwältigt. Dann hab ich noch gebastelte Sachen bekommen, ganz viele selbstgemachte Armbänder und ein Bild mit getrockneten Kräutern und Blumen, "damit ich ein bisschen von Nanteuil mit nach Deutschland nehme". Gemacht von zwei Résidents.

Album, Bild und noch so allerlei Geschenke

In dieser Woche musste ich auch noch das Bankkonto auflösen, meinen Handyvertrag kündigen und so organisatorische Sachen halt. Backen für diverse Leute nicht zu vergessen, aber das war keine Pflicht! Haha.

Am letzten Tag hab ich noch eine kleine Wassereimerdusche bekommen und mein Fahrrad wurde versteckt.

am letzten Arbeitstag einmal nen Eimer Wasser übern Kopf

Nun bin ich in Deutschland und ein paar Sachen sind schon merklich anders: Man kann das Leitungswasser trinken (haha), ohne Angst zu haben, eine Chlorvergiftung zu bekommen, es gibt wieder Flaschenpfand und keine Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen, dafür sind diese hier aber voller. Man kann ganz gechillt Fahrrad fahren ohne Hügel. Deswegen gibt es hier auch so viel mehr Fahrradfahrer als in Frankreich.

Wenn ich hier in Deutschland über eine rote Ampel gehe, werde ich direkt komisch angeschaut (Dabei ist das doch okay, wenn kein Auto oder Polizist kommt, oder?). Dazu eine Situation aus Frankreich, wo ich schon ein bisschen staunen musste:

Zwei Polizisten warten an einer roten Fußgängerampel und alle anderen Menschen gehen an den Polizisten vorbei bei Rot über die Straße und die Polizisten reagieren nicht. Da frage ich mich ernsthaft, ob Fußgängerampeln in Frankreich nur Empfehlungen sind.

Was ich nicht vermisse, ist das französische Brot. Dafür die irgendwie gelassenere Lebenseinstellung.

Ich war anfangs hier in Deutschland relativ geschockt, weil ich so viele unfreundliche Menschen getroffen habe, aber vielleicht war es auch nur Zufall. Hoffe ich. Immerhin, nachdem ich anderthalb Wochen wieder hier bin, möchte ich nicht mehr alle fremden Menschen auf Französisch ansprechen.

Was noch cool ist, ist das Netzwerk, was man sich aufgebaut hat. Ich kann diverse Leute in Frankreich besuchen kommen oder andere Freiwillige in Deutschland oder Dänemark. Man hat überall Kontakte.

Ich bin jedenfalls so froh, mich für genau diesen Freiwilligendienst entschieden zu haben und würde alles noch einmal so machen.

Also dann

Au revoir

Sophia

Elsass, Ferme de Visargent und ein letztes Mal Paris mit Fête de la Musique!

Montag, 22.06.2015

Hallooo! Ich schreib jetzt mal wieder auf, was ich so erlebt habe. Würde ich auch regelmäßiger machen, wenn ich nicht immer so viel unterwegs wäre.

Mit zehn Bewohnern aus meiner Einrichtung waren wir eine Woche im Elsass, transfert wird das genannt. Neben dem hauptsächlichen Ziel - Urlaub – waren wir zusammen mit Bewohnern aus einer anderen Einrichtung dort, um einen Austausch untereinander zu ermöglichen. Insgesamt, mit den Betreuern, waren wir 34 Leute, also schon eine große Gruppe, untergebracht in zwei Häusern oben auf einem Berg (Horodberg) mit einer super Sicht. Interessant war es anzusehen, wie die Leute mit verschiedenen Behinderungen miteinander klar kommen (oder eben auch nicht). In der Residenz, in der ich arbeite, sind vor allem Bewohner mit „retard mental“, also mentaler Retardierung, die einfach nicht so schnell im Kopf sind ganz vereinfacht ausgedrückt. Die Bewohner des anderen Heims haben eher psychische Erkrankungen. Nicht wenige wirken auf den ersten Blick völlig normal und man kann ganz gewöhnliche Gespräche auf einem Niveau führen, auf dem viele „Nicht-Behinderte“ nicht mithalten könnten. Waren dann aber z.B. drei Jahre in der Psychiatrie. Einer hat mir seine Lebensgeschichte erzählt, da bekommt man schon Gänsehaut.

Aussicht auf das Munstertal von unserer Unterkunft

Einmal hätte ein Bewohner fast einen anderen erwürgt, das wurde zum Glück in letzter Minute verhindert. So etwas schockt einen schon und macht wieder bewusst, wie hart und delikat dieses Metier ist. Es kann gefährlich sein, manche Menschen auch nur fünf Minuten allein zu lassen, auch wenn fast nie etwas passiert.

Ansonsten hat aber alles wirklich super geklappt. Gute Stimmung und keine größeren Zwischenfälle. Es war mal ganz interessant, die Bewohner und auch seine Kollegen außerhalb der klassischen Arbeit zu sehen. Abends saßen wir meistens noch draußen vor dem Haus und haben uns unterhalten, mit einigen Bewohnern und einigen Mitarbeitern. Bei den lauen Sommerabenden war das total angenehm und auch oft ziemlich lustig.

Aussicht auf das Munstertal von einem Bauernhof, wo wir gegessen haben

Auch von der Arbeit ging es, die meisten waren recht autonom, haben selbstständig geduscht, sind aufgestanden usw. Es standen viele Ausflüge an der Tagesordnung, darunter die „Maison du Fromage“, in Munster wo die Herstellung des Käses gezeigt wird, oder Colmar, diese wunderschöne Stadt. Dort haben wir eine Kahnfahrt mit einer barque auf dem Flüsschen Lauch gemacht, der Ort heißt nicht umsonst petite Venice. Das war wunderschön, kann ich nur jedem empfehlen. Außerdem war es bei einer Woche mit durchgehend 30°C sehr angenehm mit kühlem Flusswasser.

ColmarColmarColmarpromenade en barqueColmarColmar

Ansonsten waren wir Bowlen und haben eine Falknerei besucht. Dort durfte man im Schatten einer Burgruine verschiedene Vögel im Flug beobachten, Adler, Falken, Schneeeulen. Manchmal musste man jedoch den Kopf einziehen, um nicht von einem Vogel im Flug erwischt zu werden. Die, die Lust hatten, konnten sich einen Strauch über die Beine laufen lassen. Nicht nur ich, sondern auch einige Bewohner haben das gemacht.

Volerie des AiglesVolerie des Aigles

Auch den Affenberg haben wir besucht (für mich ja schon das zweite Mal innerhalb einer Woche, aber immer noch nicht langweilig). Dann noch einen Naturpark und Auswilderungszentrum für Störche und Otter bei Kintzheim, fast wie ein Zoo.

Montagne des Singes, eine kleine FamilieCentre de RéintroductionCentre de RéintroductionCentre de RéintroductionCentre de Réintroduction - Die Welle!

Auf dem Markt in Munster waren wir an einem Nachmittag. Die Stadt ist bekannt für den gleichnamigen Käse und für die Störche, die sich auf der Kirche angesiedelt haben. Das sind ganz schön viele und so symbolisiert diese Stadt auch das gesamte Elsass, denn der Storch ist ja das symbolische Tier dieser Region.

Munster mit den Störchen

Es war also ein guter Urlaub für die Bewohner und auch für uns Mitarbeiter (obwohl so eine Woche auch verdammt anstrengend ist), weil man doch ziemlich viele Sachen gesehen und gemacht hat. Ganz viele Bewohner haben gesagt, sie wollen gar nicht mehr zurück nach Nanteuil-lès-Meaux. Das spricht für sich. Es ist so frustrierend nur mit Bildern ohne Personen, weil das ja das Wesentliche ist, aber ihr versteht das hoffentlich…Datenschutz und so.

Nach sieben Tagen „Arbeit“ hatte ich also einen Tag frei, um Dienstag und Mittwoch arbeiten zu gehen, leider ohne meine tolle Kollegin Delphine, die im wohlverdienten Urlaub war. Das war wie immer nicht einfach allein mit sechs Bewohnern, aber inzwischen habe ich auch Routine.

 

Ab Donnerstag hatte ich dann meine restlichen Urlaubstage gelegt, obwohl ich es fast unglaublich fand, dass mir noch Urlaub blieb nach den ganzen Reisen während des Jahres.

Jedenfalls bin ich an diesem Tag dann los in den Bus… in den Zug… in die Metro… in den Zug und dann in noch einen auf den Weg nach… Visargent! Dort auf dem ökologischen Bauernhof hätte ich fast meinen Freiwilligendienst gemacht, letztendlich aber doch nicht. So bin ich die Leute dort besuchen gekommen, um wenigstens eine gute Woche dort zu verbringen. Das war eine sehr gute Entscheidung! Man hat mich so herzlich aufgenommen auf diesem nicht allzu kleinen Bauernhof mit dieser nicht allzu kleinen Familie. Dann  gibt es noch zwei deutsche Freiwillige und momentan war noch ein deutscher Kumpel des einen Freiwilligen da. Insgesamt waren wir neun Leute. Ich habe in einem eigenen, kleinen, süßen Häusle geschlafen.

Ferme de Visargent - da hab ich geschlafenFerme de Visargent

Der Bio-Bauernhof liegt in der Bresse, zwischen Bourgogne und Jura; zwischen Dijon und der Schweiz; dort, wo man eine Stadt, die 100km entfernt liegt, angeben muss für eine ungefähre Einordnung, wo sonst einfach nichts Bekanntes ist. Das Anwesen ist ziemlich schön, wie man sich das vorstellt, ein altes Fachwerk-Bauernhaus. Es gibt Kühe, kleine süße Kälber, Hühner, 40 Bienenstöcke, Ziegen, Zicklein, Katzen und Baby-Katzen, Kaninchen und auch da Junge, Schweine und einen Hund. Die ganzen Blumen geben das i-Tüpfelchen. Angebaut wird alles von Erdbeeren, Pastinaken über Pfirsiche bis zu Bulgur. Man kann sich fast selbst versorgen.

Ferme de Visargent

Jeden Morgen und Abend (auch am Wochenende) versorgt man die Tiere um sieben Uhr morgens, also die 19 Ziegen füttern und 15 (minus die vier Zicklein) melken, von Hand versteht sich. Dann den Ziegenkäse herstellen. Die Kühe müssen auch versorgt werden, aber das habe nicht ich gemacht. Neben den Tieren gab es verschiedene Arbeiten, die wir vormittags und nachmittags gemacht haben: Unkraut gejätet, einen Schweinepark gebaut, damit sie nach draußen können - danach hatten sie Sonnenbrand (haha!), Apfelsaft und Honig etikettiert, Lauch umgepflanzt, Knoblauch sortiert, Unkraut verbrannt, Kürbisse eingepflanzt, Käse gewendet, Zäune gebaut, Holz und Steine geschleppt, Kirschen gepflückt (gegessen!!!) und eingemacht. Es war also ein recht abwechslungsreiches Programm.

Einmal haben wir uns ein Volleyballspiel zwischen Mannschaften der ersten und der zweiten französischen Liga angeschaut, das war ganz cool. Einen Abend haben wir selbst Volleyball gespielt.

Dann gibt es fast nebenan ein kleines Flüsschen, das ist richtig, richtig schön und an einer Stelle kann man so gut baden. Dort ist eine Mühle mit einem Haus über den Fluss gebaut, sodass eine Art  Mini-Wasserfall ist. Das ist echt abenteuerlich zum Baden. Da waren wir oft schwimmen und haben schön die Fischer gestört, die in Ruhe angeln wollten. Wir vier Deutschen haben immer recht viel zusammen gemacht. Ich könnte jetzt noch viel mehr schreiben, aber dann würde es noch viel länger werden. Diese acht Tage dort waren jedenfalls super!

Der Badefluss mit MühleDer Badefluss mit Mühle

 

Gestern, Sonntag war die Fête de la Musique in Frankreich. Da gibt es im ganzen Land gratis Konzerte. Mit Julia und Sarah war ich ein letztes Mal in Paris. Wir sind ganz viel umhergelaufen und haben uns durch das Marais-Viertel treiben lassen. Das gehört zu meinen Lieblingsvierteln, es gibt nicht so viele Touris und ganz viele kleine Sachen zu entdecken, der Marché des Enfants Rouges zum Beispiel, ein kleiner Markt. Auf einem Spielplatz sind wir wieder zu Kind geworden, haben uns ausgetobt, um auf dem prächtigen Place des Vosges Mittagspause zu machen (magnifique!).

Marché des Enfants RougeMarché des Enfants RougeMaraisSpielplatz Maraisje suis ivre, et Alors?! denk ich mir auch öftersMaraisvoll retroPlace des Vosges

Später sind wir dann zum Parc de la Villette im Norden der Stadt, um uns in der Philharmonie Beethovens Neunte Synphonie anzuschauen. Die Schlange war allerdings so lang, dass es keine Chance gab, noch reinzukommen. Dann haben wir uns eben den Park angeschaut. Dort waren tanzende TrommlerInnen, die ein Konzert gegeben haben. Der Park an sich ist schon ganz cool, aber ich mag die weniger modernen Parks in Paris lieber.

Trommelkonzert im Parc de la VilletteParc de la Villette mit Sarah und JuliaParc de la Villette

20 000 Leute waren am Abend für mehrere große Konzerte am Place de la République gekommen, das kann man sich ja nicht entgehen lassen. Eine tolle Atmosphäre! Nach Kwabs, Zara Larsson und Josef Salvat musste ich dann leider nach Hause, es war ja schon ganz schön spät. In Meaux lief auch noch überall Musik, dann hab ich noch eine kleine Fahrradtour durch die Stadt gemacht.

Fête de la Musique am Place de la RépubliqueFête de la Musique am Place de la RépubliqueFête de la Musique am Place de la Républiquemein Lieblingspark in Meaux

Dieser Abschluss-Sommer-Paris-Tag, hätte besser nicht sein können! Die letzte Woche hat bereits begonnen, oh nein! Alles geht so schnell, dass ich kaum realisiere. Bis bald ihr.

Reisen macht glücklich

Sonntag, 31.05.2015

Ich möchte euch noch von meinem letzten Urlaub erzählen, bevor ich schon wieder aufbreche.

Meine liebe Mitfreiwillige Julia macht ihren Freiwilligendienst in einem Kinderheim im Elsass in einem niedlichen Örtchen namens Guebwiller. Rebecca und ich haben sie dort mal besucht. Nachdem wir in Mulhouse mit dem Zug eingetrudelt waren und den Nachmittag noch in der Stadt verbracht hatten, sind wir also (mit dem Auto!!!) nach Guebwiller gefahren. Es ist so geil und vereinfacht alles ungemein, wenn man ein Auto zur Verfügung gestellt bekommt.

Am nächsten Tag durften wir dieses immer noch benutzen, weshalb wir zum Montagne des Singes, dem Affenberg, gefahren sind. Das liegt in den Vogesen bei Colmar, auf dem Berg leben rund 200 Berberaffen, die frei herum laufen. Richtig sympathisch und so menschlich sind die, aus nächster Nähe wird einem das nochmal bewusster. Am Eingang bekommt jeder eine Hand voll Popcorn, das man verfüttern darf. Gleichzeitig hatte man noch ne ziemlich gute Aussicht. Im Anschluss sind wir zum Château de Königsberg, also dem Königsberger Schloss gefahren, um dort unser Vesper zu essen und die Aussicht zu genießen.

King Kante.. Der sieht aus, wie jemand, der an der Bartheke auf sein Bier wartet. In Wirklichkeit wartet er aufs Popcorn.Montagne des SingesMontagne des Singes und im Hintergrund die KönigsburgMontagne des Singes

Das Dorf Eguisheim, zu dem wir im Anschluss gefahren sind, wurde zu einem der schönsten Dörfer Frankreichs ausgezeichnet (Les plus beaux villages de France). Das Örtchen ist in der Tat ein kleines Schmuckstück, noch wie im Mittelalter mit ganz vielen bunten Fachwerk-Häuschen und Blumen, engen Gassen. Allerdings sind wegen der Auszeichnung auch enorm viele Touristen und wenig authentische Souvenirshops dort, die nicht ganz so schön sind. Dennoch ist ein Besuch echt lohnenswert!

EguisheimEguisheim

Den nächsten Tag haben wir es ruhig angehen lassen, waren in den Weinbergen von Guebwiller, richtig toll. Sowieso hab ich noch nie so viel Wein auf einem Fleck gesehen, wie dort im Elsass; teilweise, soweit das Auge reicht! Wer soll das nur alles trinken...?

Weinberge von GuebwillerGuebwiller

Der eigentliche Grund für die Reise ins Elsass war das Abschluss-Freiwilligenseminar, das Dienstag beginnen sollte. Treffpunkt war die Stadt Colmar, auch wird auch „Petite Venice“ genannt - auf dem Foto seht ihr, warum.

Colmar, petite VeniceColmar, petite Venice mit uns fünf: Anna, Rebecca, Claudi, Julia, mir

Wir waren ungefähr fünfzig Freiwillige, in etwa die Gruppe vom Anfangsseminar in Strasbourg und vom Zwischenseminar in Cannes. Mit dem Bus ging es dann eine Dreiviertelstunde weiter ins Nirgendwo. Mitten in den Vogesen im Wald bei Stosswihr. Die letzten 800 Meter mussten wir laufen, weil die Straße mit dem Bus so schlecht befahrbar war. Mitten in der Pampa war es also, ich hatte noch nicht mal Internetempfang, ohne 300 Meter den Weg entlangzulaufen. Nach dem Luxus in Cannes waren Achterzimmer, jeweils drei Duschen und Klos für 40 Leute sowie nicht gutes, meistens kaltes und höchstens lauwarmes Essen echt ziemlich ernüchternd. Wenn man dann noch Vegetarier ist, hat man schon fast das Gefühl, für irgendetwas bestraft zu werden. Die Jugendherberge dort war in allem irgendwie 20 Jahre zurück.

Naja, man kann ja nicht immer verwöhnt werden. Jedenfalls kann man auch richtig viel Spaß haben mit so vielen auf einem Zimmer und das coole ist nämlich, dass man sich jetzt so gut untereinander kennt und reden kann. Als Programm hatten wir eine Schnitzeljagd, sollten einen Brief an uns selbst schreiben, haben über unsere Zukunft geredet und so Sachen halt. Der letzte Abend war cool, da hat jeder eine kleine Sache, die wir selbst auf dem Seminar erarbeitet hatten, über unsere zehn Monate vorgestellt (z.B. Gedicht, Lied, Tanz, Sketch…). Und weil es ein echter Abschluss war - manche Leute sieht man wahrscheinlich nie wieder - ging die Nacht auch ungefähr bis vier Uhr morgens.. Hammer war das.

Den Freitagmorgen sind wir alle halbtot in den Bus gestiegen, um wieder zurück in die Einsatzstelle zu fahren (für manche ging es auch schon nach Hause). Ich hab den halben Tag gebraucht: Bus – Zug – Zug – Bus – Laufen – Fahrrad.

Gestern, Samstag, war dann ein Sport-Tag für alle Mitarbeiter der AEDE (ich berichtete), also dem Verein mit 17 Einrichtungen für Menschen mit Behinderung in der Region. Das war in Hautefeuille, dem Hauptsitz. Zum Glück war super Wetter und es waren verschiedene Spiele, von Schnitzeljagt über Bogenschießen, Tandemrennen... Es gab mehrere Teams mit etwa acht Leuten, insgesamt waren wir so 150 Aktive. Hat mega Spaß gemacht, mit zwischendurch Grillen. Und schon wieder war ein kompletter Tag vorbei.

Heute musste ich am Sonntagmorgen, wie auch gestern, früh aufstehen, weil ein 14 km Lauf, der Armentieroise, in Armentières en Brie anstand. Die Laufgruppe „Running Nanteuil“ ist einmalig; immer eine fröhliche Atmosphäre und man motiviert sich gegenseitig (immer für den „Crêpe au Nutella“, haha). Und hey, ich bin angekommen, nach 14 Kilometern und lebe noch. Bin sogar Erste in meiner Altersklasse (obwohl es glaub ich auch keine große Konkurrenz gab) und habe einen Pokal bekommen.

ArmentieroiseArmentieroise

So erfüllte, glückliche Tage, es bleibt nur noch weniger, als ein Monat. Man muss alles ausnutzen. Morgen fahre ich nach zwei Tagen hier wieder ins Elsass als „Transfert“, eine Art Urlaub mit den Bewohnern. Es ist schon spät am Abend und ich hab noch nichts gepackt, komme ja grad erst an. Also los. Habt ihr auch so viel Spaß wie ich. 

Bordeaux und Westküste

Freitag, 22.05.2015

Es ist schon wieder ganz schön was passiert.

Claire-Lise, die ich hier kennen gelernt hab, und ich waren einen Tag in Paris, erst auf einem Orgelkonzert und sind anschließend zum Musée d’Orsay geschlendert. Ein grünes Paris ist viel schöner, als das einheitliche Grau im Winter. Und das Museum direkt an der Seine ist mein Lieblingsmuseum überhaupt geworden. Das Gebäude ist ein ehemaliger Bahnhof, der zur Pariser Weltausstellung 1900 eröffnet wurde und ist seit 1986 Kunstmuseum ist. Wenn man das Hauptgebäude betritt, erkennt man noch die alte Bahnhofshalle. An einem Tag kann man gar nicht alles sehen. Wir waren in der Abteilung Impressionismus. Das muss man mal gesehen haben! So viele Werke auf einen Haufen. Monet, Gauguin, Renoir, van Gogh, Cézanne, Sisley, Manet… Lohnt sich auf jeden Fall.

sus dem Musée d'Orsay durch die alte Bahnhofsuhr heraus auf die SeineMonetBlick von der Terasse auf die SeineMusée d'Orsay mit alter BahnhofshalleSpaziergang am Ufer mit den ganzen Hausbooten

Dann das große Abenteuer: Bordeaux! Die Stadt am Atlantik ist genauso sehenswert, wie alle immer sagen. In der Mitte ist die Garonne, der Fluss. An das Ufer schließt sich ein breiter Streifen Wiese an, auf der von tagsüber bis nachts vor allem Studenten sind. Dann kommt eine Straße und die Tram und dann erst Häuser. So wirkt die Stadt nicht so gequetscht wie Paris. Es war jedenfalls ziemlich sympathisch, am Ufer entlangzulaufen als auch durch die Stadt. Es gibt so viele schöne, interessante Sehenswürdigkeiten, so auch z.B. den Miroir d’Eau, den größten Wasserspiegel der Welt. Bordeaux hat einfach Charme. Und die größte Fußgängerzone Europas (Rue Saint-Catherine). Abends erwacht die Stadt erst richtig zum Leben. Einen Abend waren wir Essen in einem Viertel mit ganz vielen Cafés, Bars und Restaurants, die zwischen engen Gassen und kleinen Plätzen angesiedelt sind. Das war so laut, die Leute haben sich unterhalten, es wurde Musik gemacht. Ungaubliche Atmosphäre.

In Bordeaux waren Anna, Claudi, Julia, Rebecca und ich, also die gleiche geniale Zusammensetzung wie in Cannes. Ich hab gar nicht das Bedürfnis, das alles im Detail zu erzählen. Um es kurz zu fassen: wir haben viel Spaß gehabt, gelacht, Nächte durchgemacht, haben das Nachtleben kennen gelernt, Franzosen die wichtigsten deutschen Wörter beigebracht, natürlich immer ordnungsgemäß unser Ticket entwertet, waren trampen, sind Karussell und Bimmelbahn gefahren...

Bordeaux, links die Garonneehemaliges Amphitheater, knapp 2000 Jahre altim Karussellwir fünfJardin Public BordeauxJardin Public BordeauxJardin Public Bordeauxder größte Wasserspiegel der Weltdie Stadt von oben

Einen Tag sind wir mit dem Zug und dann Bus bis zum Atlantik (Arcachon) und dann mit dem Bus zur Dune du Pilat weiter. Das ist die höchste Düne Europas direkt am Meer. Hochzuklettern ist schon anstrengend, vor allem, wenn man von herumfliegendem Sand gehindert wird, der sich überall an  dir und deinen Klamotten festsetzt und sogar wehtut – in der Geschwindigkeit, in der er auf dich einprasselt. Ich weiß ja nicht, ob ihr schon mal Schmerzen von einem (kleinen) Sandsturm hattet, aber um euch vorzuwarnen: Das tut echt weh! (Noch fünt Tage später war das Duschen eine sandige Angelegenheit.) Die Aussicht macht die Strapazen aber wieder wett. Und nachher kann man runterrennen, das ist am besten.

Also das war ein perfekter Urlaub!

Dune du Pilatwas für ein Wind!Dune du PilatArcachonArcachon Plage - Blick nach Norden

Gleich muss ich schon wieder meinen Rucksack packen, morgen fahre ich ins Elsass. Erst zu Julia und dann aufs letzte Seminar in Frankreich. Von den Seminar erwarte ich nicht so viel, bis jetzt war jedes Seminar (vom Programm her) immer gleich sinnlos und enttäuschend. Aber mit den Leuten ist halt gut. Also. Bis dahin.

"Dieser Beruf ist zwar ziemlich anstrengend, aber auch verdammt lustig."

Samstag, 09.05.2015

Meine Arbeitskollegin Delphine hat es auf den Punkt gebracht (siehe Überschrift). Ich gehe echt gerne zur Arbeit. Wenn ich nur an J. denke, die immer sagt: „L’Allemagne, l’Italie, la France.“ Ich hab sie mal gefragt, warum sie mir das immer sagt bzw. zuflüstert. Als Antwort kam: „Um dich zu respektieren.“ Witzig. Mit J. zocke ich auch immer Scrabble.

Dann ist da noch A., der einfach ein Clown ist. Selbst, wenn es eigentlich gar keine lustigen Sachen sind, bringt er immer alle zum Lachen. Ein Unterhalter, nur Quatsch im Kopf. Gestern legt er mir das schwarze Geschirrtuch auf die Schultern und: „heey Batman!“

Mittwoch waren wir im Musée de la Grande Guerre mit den Leuten vom Accueil de Jour. Während meiner zehn Monate hier haben wir ein Deutschlandprojekt, um den Bewohnern ein bisschen mehr über das Land beizubringen und ich mich als deutsche Volontärin da natürlich anbiete. Da das Museum über den „großen Krieg“ bzw. den 1. Weltkrieg direkt in Meaux ist, haben wir es auch besucht. Der 1. Weltkrieg ist logischerweise ein Stück deutsch-französische Geschichte. Für das Deutschlandprojekt präsentieren wir die deutsche Geschichte angefangen beim ersten Weltkrieg mit dem Museum bis zur Gegenwart. Das ist aber echt eine ziemlich große Herausforderung, weil man sich unglaublich kurz fassen muss. Insgesamt wollen wir das Projekt durch einen etwa dreiviertelstündigen Vortrag von den Bewohnern präsentieren lassen. Das ist schon ziemlich lang. Die Geschichte wird davon nur einen kleinen Teil einnehmen, weil das ziemlich kompliziert zu erklären ist, schon für einen nicht geistig behinderten Menschen. Es sollen auch die Bewohner sein, die ihre Arbeit präsentieren. Das verkompliziert es noch einmal. Die deutsche Geschichte so stark zu verkürzen/ vereinfachen, dass man das in fünf Minuten erzählen kann und dabei noch ein bisschen versteht, ist gar nicht so einfach.

die Kirschblüten in meinem Örtchen

Ann Christin hat mich noch besucht, eine deutsche Mitfreiwillige. Wir arbeiten beide mit Menschen mit Behinderung und so konnten wir richtig gut über unsere Arbeit reden. Da kann man so Gespräche führen, die sonst keiner versteht und die man mit sonst keinem führen könnte, der nicht in dem Metier arbeitet. Das war ein toller Besuch, nur leider hatte ich viel zu wenig Zeit unter der Woche.

Danach das Wochenende war ein bisschen blöd, weil ich krank geworden bin und dann unter anderem einen 10km in Vincennes bei Paris absagen musste. Nach zweieinhalb Wochen bin ich dann aber jetzt auf dem Weg der Besserung.

Meine gute Freundin Fiona ist auch noch vorbeigekommen für ein Wochenende. In Paris waren wir im Musée Marmottan Monet. Kann ich jedem nur empfehlen! Sehr interessant und ganz viele Bilder aus der Zeit des Impressionismus, von Monet und anderen Künstlern ausgestellt in einer Pariser Stadtvilla des 19. Jahrhunderts.

Gestern habe ich spontan eine kleine Wanderung mitgemacht mit ein paar Leuten, ca. 40 km von hier. Ich wusste gar nicht, dass die Île-de-France auch so schöne Ecken hat. Da war es richtig ländlich und man hatte überhaupt nicht den Eindruck, sich noch in der landschaftlich nicht ganz so reizenden Pariser Region zu befinden. Von da sind es auch schon knapp 90 km bis Paris. Ca. 10 km sind wir durch diese landschaftlich vielseitige Ecke im Tal des Petit Morin (Fluss) rumgewandert.

Und, man glaubt es kaum, aber ich habe mit einem Mann geredet, der das 10 km entfernte Kempen bei mir am Niederrhein kennt. Hab ich mich gefreut! Oft werde ich gefragt, wo aus Deutschland ich herkomme. Da muss man dann schon Köln sagen, das eine Autostunde entfernt liegt oder die niederländische Grenze, damit die Leute das so ungefähr einordnen können.

Hier noch ein paar Fotos. Kommt auf der Handykamera leider nicht so raus, aber trotzdem...

Bellotauf dem Spaziergang 

Die letzten anderthalb  Monate werden schnell vergehen. Ich hab eigentlich schon alles bis zum Ende verplant. Mittwoch geht es erstmal nach Bordeaux. Juhuu! Euch eine schöne Woche!

Ach ja, was ich noch lustig fand:

Côte d´Azur 2.0

Sonntag, 19.04.2015

Seit gestern Abend bin ich zurück aus Marseille. Da war ich Glückliche zum Urlaub machen mit Sarah. Der Zug von Paris aus braucht nur 3¼ Stunden.

Marseille

Angekommen in der Stadt da unten am Mittelmeer nehmen wir die Metro. Das ist echt eine Umstellung von Paris mit 16 Linien zu genau zwei Metros in Marseille. Um zu unserem Hostel zu kommen, müssen wir nach der Metro immer noch zwanzig Minuten Bus fahren. Im Bus sind Menschen aus ungefähr allen Ländern Regionen der Welt. Man fährt durch die Peripherie, richtig viele Hochhäuser, da, wo eigentlich keiner gerne wohnen möchte. An einer Stelle ist immer ein Flohmarkt, aber eigentlich ist es eher eine Müllhalde mit Sachen, die man lieber nicht kaufen möchte. Man kann kaum den Unterschied ausmachen zwischen den Sachen, die verkauft werden und denen, die dort als Müll rumfliegen. Dieser Teil der Strecke erinnert leicht an den Campingplatz von Rock am Ring, wenn alle Leute wieder abfahren. Auch sonst liegt überall ziemlich viel Müll rum. Die Straßen haben oft Schlaglöcher und das rumst so verdammt im Bus, dass die Lebenszeit des Fahrzeugs dadurch vermutlich ziemlich verkürzt wird. Trotzdem fahren die Autos ungefähr so lebensmüde wie in Paris, generell will ich da lieber nicht Auto fahren.

Marseille, aufgenommen von der Anhöhe, auf der die Kirche Notre Dame de la Garde stehtMarseille, hinten die Inseln, die überall vor der Stadt sind

Selbst im Zentrum dieser zweitgrößten Stadt Frankreichs (1,3 Mio.) gibt es so viele Häuser, die halb aufgegeben sind, kaputte Fenster, ausbesserungsbedürftige Straßen. 2013 war Marseille Kulturhauptstadt, von daher könnte man ja denken, dass alles in einem relativ guten Zustand ist, aber Fehlanzeige. Einerseits sind so viele Baustellen in der Stadt, an manchen wird gearbeitet, an manchen nicht. Andererseits müsste man aber noch viel mehr Baustellen eröffnen, um die Stadt schön zu machen. Und alles ist so eng zusammen, kaum Parks. Und wenn es dann doch mal ein schönes Viertel gibt, steht zwischen den schönen, kleinen Häusern einfach mal ein Bauklotz von Hochhaus.

Obwohl das jetzt alles nicht so schön klingt und mir fast alle Leute gesagt haben, Marseille sei hässlich, hat auch diese Stadt schöne Ecken. Wie zum Beispiel den alten Hafen.

Vieux Port MarseilleVieux Port Marseille

Oder das älteste Stadtviertel von Marseille, le Panier (bedeutet "der Korb"). Es liegt direkt neben dem alten Hafen. Ich fand es ziemlich künstlerisch.

in le Panier, Marseille

Einen Tag sind Sarah und ich wandern gegangen. Direkt neben dieser großen Stadt befindet sich der Nationalpark Calanques. Weil unser Hostel aber ganz im Norden der Stadt war und der Nationalpark im Süden beginnt, brauchten wir auf dem Hinweg zweieinhalb Stunden, um zu unserem Wanderstartpunkt zu kommen (Bus - Metro – Bus – Bus). Eine Calanque ist so eine fjordartige Bucht zwischen den Felsen. Insgesamt gibt es 26 Calanques zwischen Marseille und Cassis, der nächsten Stadt. Die Landschaft dort kann man in etwa so beschreiben: tiefblaues Meer, blauer Himmel, die Küste mündet direkt in felsige Berge. Dann noch ganz viele verschiedene Pflanzen und Bäume, die es auf wundersame Art schaffen, auf diesem kargen Untergrund zu wachsen.

Calanque de la Callelongue, von da aus sind wir losgewandertwährend der WanderungAussicht mit den Bergenda sind wir hochgekrakseltCalanque de la MounineCalanque de la MounineCalanque de Marseilleveyremit Blick auf die zahlreichen Inseln vor der Küste

In Marseille gibt es (wie in Paris) Fahrradstationen, wo man sich für fast kein Geld ein Fahrrad leihen kann und an einer anderen Station wieder abstellt. So sind wir gechillt mit dem Fahrrad an der Küste Marseilles entlang gefahren.

heey! Fahrradtourklares Wasser im Meer von MarseilleMarseille

Einen anderen Tag haben wir noch eine Bootstour an allen Calanques entlang gemacht bis Cassis, gut drei Stunden. An sich super. Mir war jedoch die ganze Zeit so schlecht, dass ich es nur halb genießen konnte...

auf einer der Inseln ein verlassenes HausCalanquesCalanques vom Boot aus

Natürlich haben wir auch noch andere Sachen gemacht, die ich euch gerne erzählen würde, aber im Moment ist meine Zeit ziemlich begrenzt. Das Wochenende vor dem Urlaub hat mich meine Freundin Tabea besucht und morgen kommt Ann-Christin, eine andere Freiwillige. Vorhin war ich bei einem „sortie collective“ von der Laufgruppe, mit der ich immer laufe, wir sind mit 43 Personen joggen gewesen. Heute ist praktisch der einzige Tag, an dem ich mich um so einige Dinge kümmern kann. Deswegen sag ich jetzt mal tschöö!

das war mit Tabea in meinem Lieblingspark in Meauxmit Tabea in Paris im Jardin des Tuileries

Ostern mal anders

Donnerstag, 09.04.2015

Wenn ihr mal nach Frankreich kommt und was Schönes sehen wollt, kann ich euch den Lac de Bourget (See von Bourget) empfehlen. Der liegt zwischen Lyon und der Schweiz "da unten“ irgendwo im Nirgendwo. Er ist der größte natürliche See innerhalb Frankreichs und 150 Meter tief. Die Gegend ist wunderschön.

Hautcombe und Lac du BourgetHautecombeHautecombeLac du Bourget

Ich dachte mir nämlich: wenn ich über Ostern schon vier Tage frei habe, kann ich Rebecca besuchen, die an diesem See in Hautecombe in einem Kloster (eine dreiviertel Autostunde entfernt von der nächsten Stadt) ihren Freiwilligendienst leistet. Et voilà - très bonne idée! Von Freitag auf Samstag habe ich in einem Studentenwohnheim in Paris geschlafen, um den Bus früh am Samstagmorgen zu bekommen. Da steht man dann um 6h15 mitten im langsam erwachenden Paris zusammen mit 30 völlig unbekannten Leuten gleichen Zieles.

Über Ostern fand in dem Kloster eine große Veranstaltung mit 600 jungen Leuten zwischen 18 und 30 Jahren statt. Ich habe mit zwölf anderen Leuten im Zimmer geschlafen, das ging voll klar. Während der knappen drei Tage gab es ein straffes Programm. Nach diversen Vorträgen u.Ä. versammelten wir uns Samstag Abend um ein Osterfeuer. Alle hatten Kerzen in den Händen und wir haben christliche Lieder gesungen. Von da aus sind alle in die Kirche gegangen mit ihren Kerzen und da war dann so dreieinhalb Stunden Messe bis irgendwann nach Mitternacht. Es gibt schon viele mir ziemlich fremd erscheinende katholische Traditionen dort, z.B. der ganze Weihrauch, das Weihwasser, die Gewänder und Sprechgesänge. Das ist nicht so mein Fall. Andererseits ist es eine unglaubliche Atmosphäre, wenn 600 Leute in der Kirche singen. Teilweise habe ich mich ein bisschen verloren gefühlt, weil die ganzen Menschen sehr gläubig waren und ich irgendwie nicht, aber das war mir ja schon vorher bewusst.

Ostern in Hautecombe

Gegen Ende der Messe haben sich alle "Frohe Ostern" gewünscht, weil die Auferstehung gefeiert wurde. Das war toll. Danach haben sich die ganzen Menschen draußen direkt am See versammelt und es gab einen kleinen Mitternachtssnack, Kakao, Kuchen und Musik. Weil noch viele andere Leute der Spezies Freiwillige dort waren, die ich teilweise schon kannte, konnte man sich ein bisschen austauschen und deutsch reden. Nachher haben wir noch das Helium aus den Luftballons eingeatmet und uns weiter unterhalten, sehr amüsant. So um halb drei muss ich dann geschlafen haben.

Den Sonntag und Montag habe ich dann nur so ungefähr die Hälfte des Programms mitgemacht, das hat mir schon genügt. Samstag bin ich dann einfach mal laufen gegangen bei bestem Wetter (nur sehr windig war es), ziemlich weit sogar, bis zum nächsten Dorf. Das war gut, auch, wenn die Serpentinen Straßen doch recht steil sind.

beim Laufen

Ich bin froh, dieses Wochenende so verbracht zu haben und es war wirklich interessant, dieses völlig andere Leben dort mal sehen zu können. Das alles hat mir viel zum Nachdenken gegeben.

Montag Nachmittag ist der Bus nach Paris auch schon wieder abgefahren. Letztendlich bin ich erst nachts bei mir angekommen und musste am nächsten Tag wieder arbeiten, kurze Nacht also.

Ich hätte mich gerne länger gefasst, aber es ist schon wieder bedenklich spät und morgen bekomme ich Besuch von meiner Freundin Tabea und Montag fahre ich mit Sarah nach Marseille, also habe ich ein sehr begrenztes Zeitfenster im Moment. Was aber auch ein gute Zeichen ist, oder!? Ich bin zumindest froh, ihr hoffentlich auch. Bis dann.

viele Zauneidechsen (?)Hautecombe

Heute auf dem Pferd

Samstag, 28.03.2015

Ach war das perfekt heute beim Reiten!

beim Reiten

Eine Woche allein arbeiten

Donnerstag, 26.03.2015

Diese Woche habe war ich ganz alleine im Accueil de Jour, weil Delphine Urlaub hatte. Und ich muss sagen, sechs geistig behinderte Erwachsene von 25 bis 62 Jahren können ziemlich anstrengend sein.  Es gab zwar teilweise andere Mitarbeiter, die mir helfen sollten, aber das ist schwierig, weil diese nicht so viel Zeit haben und auch einfach nicht bei der Tagesbetreuung, sondern in einem anderen Bereich arbeiten. Letztendlich kenne ich die Leute und den Ablauf des Accueil de Jour am besten und darum habe ich auch hauptsächlich alles alleine gemacht. Es ist schwierig, den Ablauf für Außenstehende im Detail zu erklären. Deswegen gebe ich nur einige Beispiele.

Morgens machen wir immer das Horoskop. Eigentlich bin ich kein Fan von Horoskopen, aber hier steht die gemeinsame Aktivität im Vordergrund und das Lesen von Texten bzw. verstehen kleinen Bildchen für die, die nicht lesen können. Im Internet schauen wir das jeweilige Sternzeichen nach, um dann einen vereinfachten Satz aufschreiben, der so groß den Inhalt des Horoskops widergibt, z.B.: „Ein schöner Tag für die Steinböcke heute. Profitieren Sie von dem schönen Wetter und bleiben Sie gelassen!“ Das wird dann noch mit drei kleinen Bildchen untermalt, z.B. einem lächelndem Smiley, einer Sonne und einem meditierendem Männchen. Nach dieser Vorbereitung lesen es sich die Leute gegenseitig das Horoskop vor oder versuchen es anhand der Bilder zu erklären und wir helfen dabei.

Solche Aktivitäten habe ich diese Woche allein gemacht. Dann hatte ich noch eine Praktikantin, der ich nebenbei so viel, wie möglich erklärt habe. Außerdem durfte ich die Termine beim Psychologen nicht vergessen, habe die Osterdekoration vorangetrieben, den Wochenplan aller Aktivitäten mit den Résidents gemacht, darauf geachtet, dass die Pflanze gegossen wurde, (zum hundertsten Mal) gezeigt, wie man die Kaffemaschine sauber macht oder generell seine Tasse abwäscht, aufgepasst dass die Leute nicht fünf Zuckerwürfel in ihren Tee bzw. Kaffee tun, geschaut, dass der Tisch gedeckt wurde. Der Essensplan muss jede Woche ausgefüllt werden und die Präsenzliste täglich geführt werden. Und es gibt täglich soo viel zu organisieren.

Auch die Aktivitäten finden statt, Dienstagmorgen z.B. haben eine andere Praktikantin und ich einen Spaziergang angeboten, ich bin also den Kleinbus mit acht Leuten drinnen in den Park Pâtis in Meaux gefahren. Während des Spaziergangs muss man darauf achten, dass alle zusammen bleiben, denn S. konnte nur sehr langsam laufen und A. musste man die ganze Zeit im Auge behalten, da er sehr schnell gegangen ist und auch gerne mal Gras/ Äste isst...

Derselbe A. hat mir übrigens neulich einen epileptischen Anfall vorgespielt. Ich habe ganz alleine Gesellschaftsspiele angeboten und plötzlich fällt mir der Junge vom Stuhl und zittert wie bei einer Krise. Letztendlich war es nur Theater, um Aufmerksamkeit zu bekommen, aber wenn man die Leute noch nicht so gut kennt, ist das schon leicht beängstigend. Obwohl ich erstaunlicherweise ziemlich ruhig geblieben bin. So Zwischenfälle passieren halt.

Ich könnte noch seitenlang so weitererzählen, aber das würde den Rahmen sprengen.

Dieser Woche war also ordentlich was los, arbeiten von halb neun bis viertel vor fünf ohne Pause. Auch wenn es anstrengend war und ich bis an meine Grenzen gehen musste, manchmal überfordert war, wächst man wirklich an solchen Herausforderungen. Ich habe auch viele Fehler gemacht, aber gebe halt mein Bestes. In dieser Woche habe ich mehr denn je gemerkt, dass ich keine Ausbildung hab, nicht all dieses Hintergrundwissen, was ziemlich nützlich sein kann, wenn man mit Menschen mit Behinderung arbeitet. Jetzt bin ich froh, diese Woche gemeistert zu haben und im Wochenende zu sein. Ich habe noch mehr meine Kollegin Delphine zu schätzen gelernt, es ist einfach viel besser, cooler und so lustig mit ihr.

Der Frühling kommt: Blick in den Garten der Résidence des Servins

Noch einmal zu den behinderten Menschen generell:

Vielleicht denkt ihr jetzt, das ist so typisch behindert, dass die Gras essen, psychologische Betreuung brauchen und alles ganz schwierig und traurig sei und sowieso. Dass alle so mehr oder weniger vor sich hinvegetieren und sabbernd in ihrem Rolli sitzen und man sich sowieso nicht mit denen unterhalten kann. Dass in einem Behindertenheim alles irgendwie grau, unpersönlich ist.

Natürlich haben die Leute ein geistiges Handicap und brauchen Hilfe, um im Alltag zurechtzukommen. Aber man kann einen Menschen nicht nur auf eine Sache reduzieren. Die Behinderung ist oft auf den ersten Blick ziemlich offensichtlich durch das Aussehen, Verhalten oder die Sprache. Und doch haben alle einen völlig individuellen Charakter. Je besser man jemanden kennen lernt, umso mehr Charaktereigenschaften bemerkt man, desto mehr sieht man ihn als ganz normalen Menschen.

Ich weiß nicht, ob man das verstehen kann, ohne eine gewisse Zeit mit behinderten Leuten zu tun gehabt hat und kann nicht behaupten, dass mich diese Zeit toleranter gemacht hat, das war ich schon vorher. Aber ich denke nicht mehr als erstes an die Beeinträchtigung, wenn ich mit jemandem zu tun habe. Manchmal habe ich zwischendurch fast vergessen, dass das ja „Behinderte“ sind, so sehr rücken diese Dinge in den Hintergrund. Vielleicht findet ihr es übertrieben, dass ich immer „Menschen mit Behinderung“ sage, aber das ist genau dieses auf-eine-Eigenschaft reduzieren. Man sagt ja auch nicht zu einer bestimmten Gruppe Menschen „Hässliche“ oder „Fette“ oder „Alte“, es gibt ja immer noch mehr Eigenschaften, als nur "alt" oder "behindert". Das kann ich jetzt noch besser nachvollziehen.

Zudem kann ich noch feststellen, dass Humor das A und O ist, von beiden Seiten aus. Manchmal verarscht du jemanden oder machst Blödsinn, aber auch ich selbst werde oft genug aufs Korn genommen. Und es ist so einfach, einen Witz oder Quatsch zu machen. Das ist auch eins der vielen Dinge, in denen mich die Leute an Kinder erinnern. Der Humor bzw. die Stimmung kann so schnell schwanken wie auch bei Kindern. Im ersten Moment weint jemand noch, im nächsten lacht er schon wieder. Und irgendwie bricht der Erziehungsvorgang in einem gewissen Maße nicht ab. Man muss oft an die Pflichten erinnern, manchmal ist jemand sehr stur und viele Sachen muss man oft erklären – einfach, weil sie nicht so schnell lernen.

In gewisser Weise sind manche auch ein Vorbild für mich, weil sie eine solche Lebensfreude haben und glücklich und zufrieden mit sich sind. Vielleicht auch, weil sie sich weniger Sorgen machen (können).

 

Eigentlich wollte ich diesen Eintrag schon früher veröffentlichen, aber ich habe viel Zeit gebraucht, um den letzten Teil meines Eintrags zu schreiben. Das ist also die Woche ab Montag, 16. März. Diese Woche wurde mir aber gesagt, dass ich das in der Woche, als ich allein war, so super gemacht hätte und das hat mich schon stolz gemacht.

Frühlingstage

Samstag, 14.03.2015

Irgendwie geht’s mir im Moment nur so mittel. Ist ja logisch, es kann ja auch nicht immer alles super sein. Andererseits ist es komisch, weil es keinen direkten Grund gibt. Eigentlich ist alles besser, als je zuvor. Ich habe meine Hobbys und mit Running Nanteuil sind wir oft laufen und so bin ich viel unterwegs mit verschiedenen Leuten, genau das, was ich möchte.

Running Nanteuil

Ich glaube, mir fehlt jemand zum reden, mit dem man sich spontan mal verabreden kann. Bis jetzt war das alleine wohnen kein Problem, das hat mich nicht gestört, aber inzwischen fühl ich mich doch manchmal einsam, die richtigen Freunde sind schwer zu finden oder zu weit weg.

Letzte Woche Sonntag war ich mit Sarah und Julia, auch eine deutsche Freiwillige bei Sarah in der Communauté, in Paris. Das war einfach perfekt: der erste Frühlingstag mit den richtigen Leuten in Paris. Wir sind durch das Buttes-Chaumont-Viertel spaziert. Zuerst führte uns der Weg in ein Dorf (Buttes Bergeyre), mitten in Paris. Richtig versteckt ist das und man muss gefühlt 1000 Stufen hoch gehen und dann ist man wie abgeschnitten von der restlichen Stadt, es ist ziemlich ruhig, Kopfsteinpflaster, normalhohe Häuser… Und man hat einen super Ausblick auf die Stadt und den Montmartre.

Dorf Butte BergeyreBlick über die Dächer von Paris und die Weinstöcke, ganz hinten der Montmarte

Im Park des Buttes Chaumont dann war es einfach so schön! Morgens um elf Uhr joggten natürlich alle Jogger ihre Runden, die nicht gerade zufällig am Pariser Halbmarathon teilnahmen. Ich finde, der Park ist einer der schönsten von Paris. Erstens ist er ziemlich groß und dann so vielseitig. Es gibt einen See, der sich um einen Berg legt, Hängebrücken und Aussichtspunkte. All das ist künstlich in den 1860er Jahren angelegt worden, kaum zu glauben, wenn man es sieht. Die ebenfalls künstliche Grotte mit den Stalaktiten und dem Wasserfall (der abgestellt war) durfte man allerdings nicht betreten, weil wohl einige Stalaktiten heruntergefallen waren und deshalb Gefahr besteht. Verrückt.

Buttes Chaumont - Drei Leute aufm Baum!Parc des Buttes Chaumont

Wir waren bestimmt drei Stunden in dem Park, haben davon anderthalb in der Sonne gelegen, gechillt in der 20-Grad-warmen Sonne. Die Wiese, auf der wir lagen, war so steil, dass man die ganze Zeit halb heruntergerutscht ist. Ein irritierender Gegensatz, dort mit Sonnenbrille im Top zu liegen, in den blauen Himmel zu schauen und dann die noch kahlen Bäume zu sehen. Als wir weitergelaufen sind, hatte sich der Park weiter gefüllt, nun vor allem von Spaziergängern.

Weil das Wetter es so gut meinte, haben wir uns anstatt eines Museums für den Park Monceau entschieden, der auch idyllisch, aber deutlich kleiner ist. Der erste Frühlingstag hat einfach so gut getan!

Parc Monceaumit Julia im Parc MonceauPark Monceau

Gestern, Freitag, hatte ich wie gewöhnlich frei und eine Art Frühjahrsputz veranstaltet. Als ich gerade den Müll rausgebracht hab, dachte ich so: Wie schön es doch draußen ist! Davon muss man doch profitieren! Und dann hab ich einfach mal eine Fahrradtour gemacht, bin ohne Ziel losgefahren und im zehn Kilometer entfernten Crécy-la-Chapelle angekommen, zehn hügelige Kilometer wohlgemerkt. Das Dorf im Tal des Flusses Grand Morin ist malerisch, sehr französisch. Früher haben viele relativ berühmte Künstler dort gelebt. Auch heute noch sind mehrere Kunstateliers dort. Es laufen einige Kanäle durch die Stadt und überall sind kleine Brücken. Deshalb wird Crécy-la-Chaplle auch als Venise briarde, also das Venedig hier in der Region des Bries bezeichnet. „Sehr französisch“ verbinde ich aber auch mit heruntergekommenen, vernachlässigten Häusern, von denen die Farbe abblättert. Ein hübsches Dorf trotzdem, auch solche Häuser haben ihren optischen Charme (obwohl ich nicht drinnen wohnen möchte, muhahah). Es ist nur ein bisschen frustrierend, wenn man durch einen glücklichen Zufall so etwas entdeckt und ganz alleine ist, es niemandem zeigen kann, dann ist es für mich nur die Hälfte wert.

Crécy-la-ChapelleCrécy-la-ChapelleCrécy-la-Chapelle

Joggen, Kunst und Frühlingboten

Dienstag, 03.03.2015

Je länger ich hier wohne, desto besser finde ich mich zurecht. Es gibt eine Laufgruppe hier in Nanteuil, hab ich zufälligerweise entdeckt, da verabreden sich einfach die Leute, die wollen über facebook (man kommt leider doch nicht ohne facebook aus!). Theoretisch kann man jeden Tag mit irgendwem joggen gehen - viel besser, als allein. Gestern war ich zehn Kilometer laufen und das bei den Hügeln hier. Tut so gut!

Als ich neulich allein joggen war, bevor ich die Gruppe kannte, hab ich auch interessante Entdeckungen gemacht: Der Weg wurde plötzlich einfach von einem Flüsschen durchkreuzt. Erst dachte ich, das wäre ich Endstation, aber dann habe ich eine kleine Brücke gefunden.

Fluss oder Weg?

Jetzt was ganz Neues: Samstag war ich mit Sarah in Paris. Morgens haben wir einen Spaziergang durch den Bois („Wald“) de Boulogne gemacht. Wir waren echt die Ausnahme, denn um diese Zeit sind dort zu 90% Jogger unterwegs. Der Wald befindet sich außerhalb von Paris und ist schon recht groß, da ist z.B. auch eine Pferderennbahn drinnen oder ein paar Golfplätze. Es sind Seen und alles Mögliche angelegt.

Bois de Boulogne im Westen

Unter anderem waren wir noch im Musée de l´Orangerie. Das Museum ist direkt beim Louvre, im Jardin des Tuileries. Da wir unter-26-jährige ja freien Eintritt haben, konnten wir "mal eben" Monets übergroße Seerosenbilder anschauen. In dem Museum sind zwei große, ovale Räume mit je vier überlangen Bildern des Malers, sodass man wegen der 360°-Sicht fast das Gefühl hat, in Monets Seerosengarten zu sein. In dem Museum sind noch andere impressionistische Werke ausgestellt: Picasso, Renoir, Gauguin, Cézannes oder Rousseau. Wunderbar!

Kirschblüten- die ersten Vorboten des Frühlings?promenade plantée, im Winter mit eher weniger Pflanzen

Marathon

Sonntag, 22.02.2015

Täglich durchschnittlich elf Stunden unterwegs in Paris war ich am Freitag, Samstag und Sonntag vergangenes Wochenende. Ellen war zu Besuch und wir sind die ganze Zeit einfach nur durch die Stadt gelaufen, in den drei Tagen locker einen Marathon. So sieht man Paris einfach am besten - überall rumlaufen. Wir waren auf Märkten, drei (!) Friedhöfen (Cimetière de Montmarte, Cimetière de Passy, Cimetière de Montparnasse) und haben so viel gesehen. Die Friedhöfe sind an sich schon Kunst und ja in gewisser Weise auch Parks, dazu so viele besondere, verschiedene Gräber!

Zum folgenden Bild: Die Fläche der Stadt Paris beträgt nur knapp 12% der Fläche Berlins. In Paris ist also deutlich weniger Platz. Das zeigt sich auch in der Bevölkerungsdichte. In Paris leben durchschnittlich 21 600 Menschen pro km², während es in Berlin gerade einmal 3 800 sind, das sagt zumindest Wikipedia. Wohl auch deshalb wurde einfach eine Brücke mitten über den Friedhof Montmarte gebaut (siehe Bild).

Über die Gräber am Friedhof Montmarte wurde einfach mal eine Brücke gebaut. Zu wenig Platz in Paris.Cimetière de Montmarte Cimetière de MontmarteIn Paris gibt es halt alles. So lustig, den Laden haben wir zufälligerweise in einer Markthalle gefunden.

Am Place de la Rébublique sind wir auch zufällig vorbei gekommen. Die Demonstration und die Nachwirkungen des Attentats konnte man da noch ziemlich gut sehen. Am Cimetière de Montparnasse haben wir durch Zufall das Grab von Georges Wolinski gefunden, Journalist, der bei den Attentaten umkam.

Place de la RépubliqueMonument de la République Lustige Hemden in Paris als Stadt der Mode und kleinen BoutiquenAm Place des Vosges Das Ende der Île de la CitéDas Ende der Île de la Citéein paar TöpfeCimetière de Montparnasse mit dem Tour Montparnasse im HintergrundCimetière de MontparnasseCimetière de MontparnasseParis bei Nacht mal wieder. Links die Opéra

Auch das Picasso-Museum haben wir besucht, da man sich mal aufwärmen musste bei dem kalten Dauerregen. Eine Stunde musste man erstmal schön im Regen anstehen. Das hat sich aber gelohnt, war es warm drinnen... Das Museum war auch interessant, es wurde bis 2014 renoviert. Alle Audioguides waren vergeben, so viel war los. Schade, so konnte man nur die Hälfte mit den Bildern anfangen.

Die Verpflegung war auch super!

Ein Eimer voll Obst!!!Daraus kann man viel machen.

Zwischenbericht

Samstag, 21.02.2015

Halbzeit ist ja eigentlich schon längst vorbei, es bleiben nur noch viereinhalb Monate. Die Zeit ist wirklich gerannt, ich kann es kaum glauben. Für die deutsche Organisation, das DJiA, wurden wir Freiwillige gebeten, einen Zwischenbericht zu schreiben. Den veröffentliche ich auch einfach hier:

 

Vom Davongehen, von LebensbeJahung , Impulsgeben und Abenteuern

im Februar 2015

 

Nach der Schule erst mal etwas ganz anderes machen, etwas Soziales für die Allgemeinheit leisten, Unbekanntes wagen, die Welt ein Stück weiter entdecken…davon träumen viele. Mit diesen Hintergedanken bewarb ich mich im Herbst 2013 für ein Diakonisches Jahr im Ausland, in meinem Fall für Frankreich. Und ich muss zugeben, das war eine der besten Entscheidungen meines Lebens bis jetzt.

Gelandet bin ich in Nanteuil-lès-Meaux, ein Dorf 40 Kilometer nordöstlich von Paris. Dort leiste ich meinen Freiwilligendienst in einer Residenz für Menschen mit leichter bis mittelschwerer geistiger Behinderung, die teilweise auch eine physische Behinderung haben. Ich wohne zwei Kilometer entfernt in einem Apartment, wo ich mich inzwischen sehr wohl fühle.

Neben den 32 dauerhaften Bewohnern gibt es auch den Acceuil de Jour, die Tagesbetreuung. Dort arbeite ich von montags bis donnerstags (08:45 - 17:15 Uhr = 34 Wochenstunden). Täglich kommen um die sechs Leute, die ansonsten in ihren (Gast)-Familien oder anderen Wohnheimen wohnen. Meine Kollegin hat fast zeitgleich mit mir beim Acceuil de Jour zu arbeiten, wir sind  beide noch jung, verstehen uns super und haben dementsprechend viele neue, innovative Ideen. Ich gehe wirklich gerne zur Arbeit, was auch daran liegt, dass man einfach so viel zurück bekommt. Zumal gibt es eine super gute Arbeitsatmosphäre, ich wurde direkt von allen integriert. Auch die Résidents freuen sich immer, wenn ich da bin und interessieren sich für mich und meine Herkunft. Während der Aktivitäten, die vormittags und nachmittags für rund zwei Stunden stattfinden, haben wir z.B. schon öfter eine typisch deutsche Mahlzeit gekocht.

Die Aktivitäten, die in dem Heim angeboten werden, sind wirklich unglaublich vielfältig. Jeder, der eine (geistige) Behinderung hat, könnte sich nur wünschen, an einer Einrichtung wie dieser zu sein. Hier einmal ein Versuch der Aufzählung:

Es gibt verschiedene Sportarten, von Gymnastik über Fußball, Reiten, Fitness, Spaziergängen bis Vorbeugung gegen Hinfallen oder Nordic Walking... Nähen und Sticken kann man, es gibt immer viel zu tun in dem riesigen Garten. Oder man macht es sich gemütlich in dem "Gewächshaus" im Garten. Manchmal finden Fahrradtouren statt, Mosaike werden hergestellt, es gibt ein Töpfer- sowie ein Dekorationsatelier. Psychomotorik, Karate und Theater und Musiktherapie werden angeboten. Es gibt ein Fotoatelier, eine hauseigene Zeitung, an der gemeinsam gearbeitet wird sowie das Atelier Esthétique, ein Gedächtnisatelier Schreiben und Lesen. Massagen, Kochen, Marmelade herstellen und diese verkaufen gehört ebenfalls dazu. Gesellschaftsspiele werden häufig gespielt und es wird getanzt, einmal in der Woche kommt der Pastor. Neben dem Reiten helfen die Résidents auch ab und zu bei der Stallarbeit und besuchen manchmal einen anderen Bauernhof. Einige engagieren sich beim secours populaire, so etwas wie der Tafel. Manchmal gehen wir auch einfach nur einkaufen, denn Kleidung, Schuhe und Lebensmittel braucht man immer. So kann ich zudem gut die Gegend kennenlernen. Inzwischen biete ich einige Aktivitäten auch ganz alleine an, fahre etwa mit dem Auto und denen, die Lust haben, in einen nahegelegenen Park und dort gehen wir spazieren.

Manche Résidents arbeiten auch. Zudem werden jedes Jahr Fahrten bzw. Transfers gemacht, unter anderem nach London, Marokko, Belgien oder Skifahren in Frankreich. Es finden auch Austausche zwischen den verschieden Einrichtungen für Menschen mit Behinderung hier in der Nähe statt, die alle zu derselben Überorganisation (AEDE) gehören. Zudem gibt es einfach viele zusätzliche Ausflüge, u.a. ins Schokoladenmuseum oder um ein Fußballspiel anzuschauen. Die ganze Einrichtung war auf dem Weihnachtmarkt in Reims und auf dem hiesigen Weihnachtsmarkt in Nanteuil-lès-Meaux haben wurden die hergestellten Sachen auch verkauft.

Zudem habe ich ein „eigenes“ Projekt zum Thema Deutschland mit dem Acceuil de Jour. Während der zehn Monate, die ich hier in Frankreich bin, sollen sie ein bisschen mehr über Deutschland lernen. Wir gestalten Plakate, z.B.: „Wie lange braucht man von Paris nach Düsseldorf mit verschiedenen Verkehrsmitteln?“ Diese Frage kam von den Résidents selber, als ich über Weihnachten mit dem Bus nach Hause gefahren bin. Wir fabrizieren auch eine große Deutschlandkarte, auf der verschiedene Traditionen und regionale Besonderheiten dargestellt werden. Das in Meaux ansässige „Museum des Großen Krieges“ [1.Weltkriegs] wird ebenfalls noch besucht. Das alles und noch viel mehr zu Thema Deutschland werden im Juni die Leute vom Acceuil de Jour allen anderen Résidents und Mitarbeitern präsentieren.

Ich könnte jetzt noch so viel mehr erzählen, aber es ist klar geworden: Das Angebot lässt wirklich keine Wünsche offen und das ist es auch, was mir so gefällt. Die Arbeit ist einfach unglaublich abwechslungsreich. Den Leuten dort geht es einfach insgesamt gut und so bin ich auch gerne dort, man kann viele Sachen im Kleinen bewirken, Impulse setzen.

Natürlich ist das nicht immer alles einfach, da ich auch oft ohne einen anderen Mitarbeiter mit den Résidents bin. Streit entsteht schnell und da merke ich doch, dass mir die nötige Ausbildung fehlt, um in so einer Situation immer die Richtigen Worte zu finden und Maßnahmen zu ergreifen. In solchen Momenten ist die Sprache auch oft noch ein Problem, manche Leute sprechen undeutlich aufgrund ihrer Behinderung. Das macht die Problemlösung nicht unbedingt einfacher. Aber zum Glück kann ich auch immer andere Leute um Hilfe fragen.

In meiner Freizeit bin ich natürlich auch aktiv. Ich gehe beispielsweise reiten, was mir sehr gut gefällt, da ich auf diese Weise noch Leute kennenlerne sowie einfach ein Stück zuhause sein kann, wenn ich beim Pferd bin. Auch hier sind alle super freundlich und offen, laden mich ein, sonntags nachmittags zum Kaffee zu kommen. Ich kann bestätigen: Durch so ein Auslandsjahr lernt man sich selbst besser kennen. Beispielsweise konnte ich feststellen, dass es mich eine sehr hohe Überwindung gekostet hat, diese völlig fremden Menschen vom Reitstall das erste Mal anzusprechen. Wenn man sich aber überwindet, sich traut, diesen Schritt zu gehen, ist man nachher umso stolzer. Es ist offensichtlich, dass sich Schüchternheit und persönliche Schranken während der Zeit im Ausland „verbessern“. Man hat einfach mit vielen Leuten zu tun, und ist oft gezwungen, über seinen Schatten zu springen, muss Courage haben, um zurechtzukommen. Eine gewisse Schüchternheit wird jedoch immer Teil meines Charakters bleiben, man verändert sich nicht völlig. Es ist aber immerhin schon mal gut, das zu wissen.

Auch der Pastor und seine Frau, die ursprünglich aus England kommen und die ich durch meine Arbeitsplatz, die Résidence, kennen gelernt habe, sind so herzlich zu mir. Sie haben mich in die evangelische Kirche dort eingeführt, laden mich öfters ein. Zudem bin ich ein einer Jugendgruppe, die sich alle paar Wochen trifft, um zu singen, zu essen und diskutieren. Insgesamt haben mich die Freundlichkeit, das Entgegenkommen und die Offenheit der Leute hier einfach überwältigt. Über die Kirche (obwohl ich sonst zugegebenermaßen eine sehr mäßige Kirchengängerin bin) habe ich einfach viele, tolle Leute kennengelernt, auch in meinem Alter. Sonntags begleite ich die Résidents, die gerne möchten, in die Kirche.

Ansonsten habe ich gelernt, meine freie Zeit für mich sinnvoll zu nutzen. Drei Tage Wochenende sind viel Zeit, um die Gegend zu erkunden, joggen zu gehen, zu lesen, malen, Musik zu hören (auch auf Französisch!) oder selbst Klarinette zu spielen. Besuch von Freiwilligen, Familie oder Freunden zu bekommen, ist super, ebenso wie selbst Leute zu besuchen. Fast jedes Wochenende bin ich in Paris, da ich diese Stadt liebe und es so viel zu entdecken gibt. Es braucht ca. eine Stunde bis Paris; ich fahre mit dem Fahrrad zum Bahnhof und dann 25 Minuten Zug. So viele Stunden bin ich schon durch Paris spaziert. Das mache ich oft mit Sarah, einer Freiwilligen, die auch nahe Paris wohnt.

Das Zwischenseminar war ebenfalls wunderbar im Januar in Südfrankreich (Théoule-sur-mer bei Cannes). Es wurde von der französischen Organisation VISAad organisiert. So konnte man das schöne Frankreich weiter entdecken. Das mediterrane Klima in der Provence war eine super Abwechslung zur winterlichen Île-de-France. Einige Mutige (darunter auch ich) waren sogar im Meer schwimmen, das immerhin 13°C hatte. Auf dem Seminar waren zudem junge Leute aus der ganzen Welt, die man kennenlernt.

An der Begleitung durch die evangelischen Freiwilligendienste, durch das DJiA ist nicht auszusetzen, alles hat reibungslos geklappt. Man hört immer mal ein „Wie geht es dir?“. Auch als ich im November einige Probleme hatte (ein Fahrradunfall, der anschließende Klau des Fahrrads sowie ein Zahnproblem), konnte ich mich an das DJiA wenden und sie haben mich - so gut wie es eben aus dem Ausland geht – beraten und mir Tipps gegeben.

Insgesamt betrachtet kann ich ein Auslandsjahr und insbesondere das DJiA nur allen empfehlen. Wenn man die Möglichkeit hat, ins Ausland zu gehen und so tolle Erfahrungen im Leben zu machen, ist es super, wenn man das auch nutzt. Ich bin so froh, jetzt nicht schon zu studieren oder zu arbeiten, sondern erst mal das Leben richtig zu genießen. Diese Zeit ist die Beste unseres Lebens und eignet sich perfekt dazu, seinen Horizont zu erweitern und von so einem Auslandsjahr zu profitieren. Ich habe noch so viele Pläne für die noch verbleibenden vier Monate und bin einfach glücklich mit meiner jetzigen Situation.

Rezept für einen typisch französischen Abend

Montag, 09.02.2015
  • Oliven in allen verschiedenen Farben und anderes Knabberzeugs
  • Fondue. Man nehme drei verschiedene Sorten Käse (z.B. Brie, Emmental, Coulommiers), Weißwein und kocht es auf. Dann setzen sich alle um einen großen Tisch mit dem Fonduetopf in der Mitte. Mit Spießen taucht man dann verschiedene Sorten Baguette in das Fondue. Und immer genug Käse mitnehmen sowie die spezielle Aufspießtechnik beachten, damit man sich nicht piekt und das Baguette auch nicht in den Topf fällt. (Ich habe natürlich beides trotz Erklärung zuerst falsch gemacht!)
  • Feldsalat mit eingelegten Paprikas
  • Orangen

Und natürlich die gute Unterhaltung sowie den Wein nicht vergessen!

So einen Abend konnte ich in dieser Form erleben, weil mich zwei untereinander befreundete Familien eingeladen hatten, die ich hier kennen gelernt habe. Ich kann die Herzlichkeit der Leute ja gar nicht häufig genug betonen. Insgesamt waren wir neun Personen, inklusive fünf „Jugendlicher/ Kinder/ junger Leute“. Ein schöner, bereichernder und lustiger Abend.

Ansonsten ist leider festzustellen, dass Wetter sowie Joggingwege eher trist sind.

Alles grau und matschig!

Noch ein paar Arbeitsimpressionnen

Petanque molle - Boule für drinnen Musculation in Hautefeuille

Außerdem war ich noch im Centre Pompidou mit Sarah und ein paar anderen Leuten. Jeder Präsident Frankreichs hat ja meist sein eigenes Denkmal, seine nach ihm benannte Straße, Bahnhof etc. Georges Pompidou war Präsident Ende der 60er bis Anfang der 70er Jahre und dieser Zeit entsprechend ist das ziemlich große Centre Pompidou auch ziemlich hässlich (das ist natürlich Interpretationssache!). Die „Kunst“ der Architektur besteht darin, dass alles, was man normalerweise zu verstecken versucht, nach außen gekehrt ist. Man kann also die gesamte Gebäudetechnik von außen sehen: Wasser- und Belüftungsrohre, Rolltreppen, Stützen… Innen sieht man alle Stromkabel. Es befindet sich unter anderem ein Museum für moderne Kunst in dem Gebäude. Interessant war es schon, mich hat moderne Kunst aber noch nie von den Socken gehauen.

Letztes Wochenende war ich mal wieder in Tigery bei Sarah. Mein Wochenende beginnt ja immer schon Donnerstag Abend und so konnte ich Freitag Nachmittag schon losfahren. Drei Stunden hab ich gebraucht und für theoretisch 50 Kilometer, aber es gibt ja keinen Direktweg, an Paris als Drehscheibe kommt man kaum vorbei. Dafür war das Wochenende sehr entspannend im winterlich gemütlichen Schloss. Zudem ist dort immer etwas los und Leute vieler verschiedener Nationalitäten und verschiedenen Alters leben dort.

Schloss in Tigery (Communauté du Chemin Neuf)

Für Sonntag Abend wurden wir gebeten, „un repas allemand“ - eine deutsche Mahlzeit – für die knapp 20 Leute zu kochen. Das Angebot haben wir mit Vergnügen angenommen. Die Communauté du Chemin Neuf in Tigery bezieht den Großteil der Verpflegung aus Lebensmittelspenden. Das funktioniert so, dass mehrmals in der Woche zwei Supermärkte angefahren werden. Dort werden alle aussortierten Waren mitgenommen, weil sie bald ablaufen/ knapp abgelaufen sind oder einfach nicht mehr einwandfrei aussehen. Unglaublich, wieviel eigentlich noch Gutes sonst weggeworfen würde. Nur aus den Spenden entsteht ein gigantischer Vorrat, der fast keine Wünsche offen lässt. So konnten wir uns aus dem Vorrat bedienen und kochen. Ich fand die Küche auch so cool, total riesig und alles war in überdimensionaler Form vorhanden, z.B. eine Suppenkelle so groß wie ein Topf; Töpfe so groß wie Badewannen (okay, zugegeben, das war jetzt leicht übertrieben). Für ein Wochenende sind dort schonmal 600 Leute dort zu Besuch, da braucht man halt eine große Küche. Auch richtig cool war noch, dass Julia und Moritz, zwei andere Deutsche, die momentan in Tigery wohnen, uns noch geholfen haben und so war man in sehr guter Gesellschaft!

Das Menü (1. Porresuppe; 2. Kartoffeln – Kräuterquark - Frikadellen; 3. Apfelkuchen) hab ich dann gar nicht mehr probieren können, weil ich vor dem Abendessen zurück musste, um vor Mitternacht zu Hause zu sein. Auf dem Rückweg bin ich über Melun gefahren, was kilometermäßig kürzer ist, jedoch länger gedauert hat. Der Bus von Melun nach Meaux braucht nämlich 90 Minuten. Dafür war es wesentlich entspannter und günstiger (16€ Hinfahrt – 2€ Rückfahrt). Busse kosten in der Region generell nur 2€, egal ob man zwei Minuten oder zwei Stunden fährt.

Achja, ich vergaß fast zu berichten: Samstag habe ich meinen halben Schneidezahn wieder verloren (ich berichtete), als ich beim Abendessen in etwas hartes Brot gebissen habe. Jetzt sehe ich aus wie ein Zombie und erschrecke mich jedes Mal, wenn ich in den Spiegel schaue. Dabei kann ich gar nicht für Karneval bei mir in Deutschland sein. Jedenfalls mussten wir beim Essen mit den vielen Leuten ganz schön lachen. Ich sehe auch echt schlimm aus und erwarte schon sehnsüchtig meinen Zahnarzttermin am Donnerstag.

Sorcière!

So, jetzt seid ihr wieder „au courant“. Ich geh jetzt schlafen. In der Hoffnung, dass ihr alle Zähne behaltet wünsche ich euch eine wundervolle Restwoche!

Côte d´Azur im Winter

Sonntag, 25.01.2015

Aufwachen mit Meeresrauschen im Ohr, Spazierengehen unter Palmen, Schwimmen in Mitteleer - wie geht das im Januar? Indem man nach Südfrankreich fährt!

In der vergangenen Woche hatte ich dieses Glück! An der französischen Südküste fand ein Seminar der französischen Freiwilligenorganisation VISA AD statt. Anna, Claudi, Julia, Rebecca und ich - alles deutsche Freiwillige in Frankreich - sind dann einfach schon das Wochenende vor dem Seminar runter nach Cannes gefahren. Wenn man schon die Reisekosten erstattet bekommt, muss man auch davon profitieren!

Bereits die Zugfahrt von Paris nach Cannes war ein Erlebnis. Das Landschaftsbild ändert sich einfach komplett. Von eintönigen, riesigen Feldern im winterlichen Graufilter zu der typischen Provencelandschaft mit Olivenhainen und Pinien. Alles war grüner und lebhafter. Die letzte Etappe der Strece ging direkt an der Küste entlang und das azurblaue Meer blitzte immer mal wieder auf. Aus dem warmen Zug hinaus hätte man auch denken, dass es 30°C warm ist.

Grün und Schön! Südfrankkreich

Als alle angekommen waren, wollten wir „mal eben schnell“ zum Hotel gehen, weil es auf der kleinen Orientierungskarte der Buchungsbestätigung des Hotels direkt neben dem Bahnhof eingezeichnet war. Denkste Puppe! Gefährliches Halbwissen, es gibt mehrere Bahnhöfe in Cannes und so sind wir mit dem ganzen Gepäck ca. 5 km gelaufen. Das war aber sehr erträglich, weil wir direkt am Strand entlanggewandert sind.

So wandert man gerne!

Am Anfang des Wochenendes kannten wir uns eigentlich kaum, zwar hatte man sich schon auf den Seminaren gesehen, aber sonst nicht viel miteinander zu tun. Und dann haben wir uns auf Anhieb super verstanden, so viel gelacht, Quatsch gemacht und Spaß gehabt!

Auf den extrem langen Fluren des Hotels haben wir beispielsweise einen Einkaufswagen gefunden, der für das Wochenende ausgeborgt wurde und so konnte man prima Einkaufswagenrennen auf den Fluren spielen, zusammen mit den zahlreichen Aufzügen. Auf einem Flur haben wir einen Mann getroffen, der uns auch noch sein Fahrrad ausgeliehen hat, mit dem man auch gut über die Gänge rasen konnte. So ein Einkaufwagen ist übrigens auch ein super Wäscheständer! Weitere Details verschweige ich an dieser Stelle.

Praktischer Einkaufswagen mit Stil im ApartmentEinkaufswagen im Aufzug

Sonntag haben wir uns dann Cannes angeschaut. Die Lage ist zweifellos perfekt und außerhalb der Touristensaison ist es überall angenehm leer. Als schön ohne Abstriche würde ich die Stadt aber nicht beschreiben. Es gibt viele malerische, hübsche Häuser, aber auch etliche sehr hässliche und heruntergekommene Häuser sowie Hotels und Wohnklötze. Cannes ist ja eher klein mit 70.000 Einwohnern. Die Berühmtheit erlangte es aufgrund der Filmfestspiele, die jedes Jahr im Frühling stattfinden. Das besagte Theater liegt direkt am Strand, man konnte schon von Weitem ein gigantisches „JE SUIS CHARLIE“ Plakat auf der Fassade sehen.

Palais des Festivals et des Congrès CannesBlick über CannesCannesCannes Cannes: blauer Himmel und Palmen im Januar!

Wir sind ganz viel rumgelaufen und waren mit den Füßen im Meer (als Aufwärmtraining für später). Irgendwann hat es uns zum Hotel zurückgezogen, um abends wieder nach Cannes Zentrum zu fahren,  wo wir eine interessante Nacht erlebt haben. Unter anderem wurde viel „dentifrice“ konsumiert; außerdem besitze ich jetzt einen Knoten-Schlüsselanhänger von jemandem, der ein Jahr lang auf dem Mittelmeer mit der Marine auf dem Schiff rumgefahren ist. Es war ein legendäres Wochenende mit den besten Leuten!

So lässt es sich leben.Möwen mit HerzSonnenuntergang am Strand von Cannes

Nachdem Montag die Zimmer geräumt waren, haben wir noch den halben Tag wieder in Cannes verbracht und von den Soldes (Sale) in den Geschäften profitiert.

Der Zug in das kleine Dorf Théoule-sur-Mer westlich von Cannes braucht nur etwa zehn Minuten. Wir waren in einem Altenheim untergebracht, das gleichzeitig auch Gruppen aufnimmt. Alle Zimmer (ich hab mir eins mit Sarah geteilt) hatten Meerblick und es war einfach toll, morgens aufzuwachen und das Meer hören und sehen zu können. Es sah jeden Tag anders aus, ob mit oder ohne Wolken, im Sonnenauf- oder –untergang. Hinter der Küste und dem Meer liegen man die schneebedeckten „Alpes-Maritimes“ sehen. Ein merkwürdiger Gegensatz, Schnee und Strand… Wenn man an so einem Ort alt wird, hat man es ziemlich gut getroffen.

Blick von Théoule in Richtung Cannes, man beachte die schneebedeckten Alpen im Hinterland!Blick aus dem ZimmerBlick aus dem Zimmer

Im Gegensatz zu der top-Unterkunft und dem top-Essen war das Seminar inhaltlich ziemlich schwach und sinnlos in meinen Augen. Das Programm bestand zum Großteil aus Theaterspielen; es gab zwei professionelle Theatertrainer im Team (das insgesamt aus fünf Leuten bestand). Das ist freilich wunderbar für Leute, die gerne Theater spielen, dies war jedoch bei grob geschätzt bei 90% der gut 60 Freiwilligen nicht der Fall. Außerdem fehlte der Bezug zu der Realität unseres sozialen Jahres. Geholfen hat mir das Theaterspielen jedenfalls wenig dabei, gedanklich irgendwie weiterzukommen. Pausen hatten wir auch kaum. Trotzdem war es toll, die anderen Leute aus den vielen verschiedenen Ländern wiederzusehen und sich auszutauschen. Zum Ende hin mussten wir uns selbst ein Theaterstück ausdenken, einproben und vor allen - inklusive der alten Leute - vorführen. Da ich mir das Thema „Comédie“ ausgesucht hatte, gab es glücklicherweise viel zu lachen, während der Proben und bei der Aufführung.

In einem seltenen Moment der Freizeit sind viele runter zum Meer gelaufen und einige wenige waren schwimmen (darunter natürlich ich!) im Wasser, das eine stolze Temperatur von 13°C hatte. Man konnte es aber ertragen, diese Augenblicke wird man schließlich nie vergessen: Im Januar während des Sonnenuntergangs im Mittelmeer schwimmen gehen. Nachher haben wir ein Lagerfeuer an dem Kiesstrand angezündet.

Schwimmen im Mittelmeer

Als ich Freitag Abend in Paris ankam, ich mich von Sarah verabschiedet hatte und eigentlich gerade zur meiner Metro unterwegs war, ließ mich die Musik zweier Musiker, die dort in der Metrostation ein Konzert gaben, aufhorchen. Die waren nämlich richtig gut und das sah nicht nur ich so: Es gab ein großes Publikum und viele blieben, wie ich, einfach stehen, hörten sich das Konzert an und kauften eine CD. Ich weiß nicht, wohin die ganzen Menschen eigentlich unterwegs waren, aber viele hatten die Zeit zum Zuhören übrig.

Gute Musik in der Metro (IN THE CAN)

Endlich zu Hause, kam mein Vater auch schon an. Er hat mich übers Wochenende besucht, es war so schön, ein Vater-Tochter-Wochenende! Zudem habe ich jetzt wieder ein super-Fahrrad, was die Lebensqualität doch deutlich steigert. Und inzwischen fühle ich mich richtig wohl in meinem Studio.

Das wars für heute, habt eine schöne Woche!

Nous sommes tous Charlie

Sonntag, 11.01.2015

1,5 Millionen Menschen, versammelt in der Hauptstadt Frankreichs, um gegen Terror und für (Meinungs-)Freiheit zu demonstrieren. Paris, am Sonntag die Hauptstadt der Welt. Die größte Demonstration der Nachkriegszeit. Ein denkwürdiger Tag.

Ich war ein Teil davon, zusammen mit Clara, einer Mitfreiwilligen, die in Paris wohnt. Die Stadt war im Ausnahmezustand. Der Transport war für diesen Tag gratis auf der ganzen Île-deFrance, um allen de Teilnahme zu ermöglichen. Wir sind mit der Metro so nahe wie irgend möglich an den Place de la République gefahren - die Stationen in unmittelbarer Nähe wurden aus Sicherheitsgründen geschlossen. Alle drei Minuten hunderte von Menschen mitzunehmen hat nicht gereicht, die Metro war komplett überfüllt. Ebenso die Straßen; wir sind gar nicht bis zum Place de la République gekommen. Selbst jetzt kann ich mir diese Größenordnung nur schwer vorstellen.

Alles war sehr friedlich und die Menschen fast übertrieben freundlich. Es gab unzählige Plakate und auch Stifte waren überall präsent - Worte und Karikaturen anstatt Waffen. Ab und zu ging ein Klatschen sowie Rufe und Pfiffe durch die Straßen, welche sich weitertrugen, bis es so weit weg war, dass man es nicht mehr hören konnte. Auch der Polizei und den Sicherheitskräften wurde regelmäßig applaudiert. Anstrengend war es auch, aber immerhin war man so dicht gedrängt, dass es nicht kalt war. Am besten war der Würstchen-im-Brötchen-Verkäufer, der inmitten in der Menge seinen Stand hatte und an diesem Tag garantiert das Geschäft seines Lebens gemacht hat.

Ich finde es nahezu unglaublich, wie viele Leute ihre Pläne für diesen Sonntag umgeschmissen haben und auf die Straße gegangen sind, drei Millionen in ganz Frankreich! Es bereitet Schwierigkeiten, das, was da gestern in Paris los war, in Worte zu fassen.

Marche RépublicaineMarche Républicaine, ganz hinten das Monument de la RépubliqueMarche RépublicaineMarche Républicaine - leicht überfüllte Metros

Wir haben am Mittwoch direkt nach dem Mittagessen aus den Nachrichten von den Anschlägen erfahren. Mir war die Tragweite dieser Ereignisse ehrlich gesagt noch nicht bewusst, es war ja auch erst der Anfang.

Donnerstag Morgen hat uns M. erzählt, dass demnächst "Terminateur" im Fernsehen läuft. Um seine Erzählungen zu unterstreichen, stellte er pantomimisch Leute, die durch die Gegend schießen, dar. Weil M. so ein Fan ist, haben wir ihm ein (schwarz-weiß) Portrait von einem sehr sympathisch aussehenden Arnold Schwarzenegger, halb Mensch, halb Roboter ausgedruckt. Dann kam A., die schlecht sehen kann vorbei, sah das Foto vor M. liegen und fragt: "Oh, bist du das?" Das war witzig.

Mittags um zwölf hielt ganz Frankreich für eine Minute inne. Züge, Metros standen still... In der Résidence haben wir ebenso alle die "minute de silence" gehalten. Auch, wenn nicht alle Leute ganz verstanden haben, was genau vor sich geht in diesen Tagen, ist doch angekommen, dass etwas Schlimmes passiert ist.

Nach dem Mittagessen wollten wir dann wie gewöhnlich die Nachrichten anmachen. M. jedoch, der morgens noch so enthusiastisch den mit der Pistole schießenden Arnold Schwarzenegger nachgemacht hatte, konnte sich die Nachrichten - die Realität - nicht anschauen. Dort wurde natürlich nur über die Terroristischen Anschläge berichtet. Deshalb musste der Fernseher ausgeschaltet werden, sonst hätte er sich nicht beruhigt und die ganze Zeit weitergeweint.

 

"Ich habe heute meine Mutter zum letzten Mal gesehen. Sie hat mir Auf Wiedersehen! gesagt."

Eigentlich hätte man ja denken können, dass alles ein bisschen besser wird, nachdem in der letzen Woche der ganze Terror (zumindest erstmal) beendet war.

Stattdessen erfahre ich heute, am Montag, dass P., der bis vor zwei Monaten noch in der Résidence gewohnt hat, am Wochenende gestorben ist. Um zehn Uhr wurde das den Résidents verkündigt. Sie dachten immer noch, dass P. nur temporär weg wäre, aber wiederkommen würde, sobald es besser ginge. Viele hatten schon zehn Jahre lang mit ihm zusammen dort gelebt. Keine schönen Momente.

S. hat es die ganze Zeit mit ihrem lauten Stimmorgan die Tatsache wiederholt: "Ist er tot, P.? Nein, er ist nicht tot. Doch, er ist tot, P. Nein, er ist nicht tot!..." Das Wort tot ist ja auch so direkt und nicht so ein eher dezenteres Wort wie beispielsweise verstorben. Das klingt einfach härter und hat die Situation in meinen Augen nochmals irgendwie angespannt.

Als wäre das nicht genug, kommt am Morgen noch die Nachricht an N., die bei uns in der Tagesbetreuung ist, dass ihre neunzigjährige Mutter den Tag nicht mehr überleben wird. Sie geht also ein letztes Mal zu ihrer Mutter ins Krankenhaus, um sich zu verabschieden. Vormittags war ich wie jeden Montag beim Sport in Hautefeuille. Zum Mittagessen kommt N. dann wieder. "J´ai vue ma mère aujourd'hui. Elle m'a dit au revoir." (Zweiter Titel!) Was antwortet man darauf nur?

Wunderbare und Unvergessliche Tage

Montag, 05.01.2015

Da bin ich mal wieder.

Die letzte Woche vor Weihnachten war sehr turbulent. Wir haben Disney Village besucht. Das ist nicht der Park, für den man Eintritt bezahlen muss, aber es liegt direkt vor dem Gelände des Disneylands Paris (nur ein Katzensprung von Nanteuil-lès-Meaux aus) und da gibt es ein paar Läden, durch die an schlendern kann. Das war unser Weihnachtsausflug vom accueil de jour.

vor dem Disneyland bei Disney Village

Sonntag habe ich gearbeitet. Die Résidence des Servins war vertreten auf dem Weihnachtsmarkt von Nanteuil und ich habe mitgeholfen. Wir hatten einen Crêpe-Stand und haben zudem Sachen verkauft, die die Résidents hergestellt hatten. Ich habe vor allem Crêpes hergestellt. Die Résidents haben dann die Crêpes belegt, kassiert usw. Wir haben 25 Liter Teig verbraten!!

Nachdem ich Dienstag und Mittwoch noch reiten war nach der Arbeit und so den ganzen Tag unterwegs war, vergingen die Tage bis Donnerstag erfreulicherweise unglaublich schnell. Ich hatte die größte Vorfreude meines Lebens bis jetzt, wieder nach Deutschland zu fahren und bin mit dem Bus über Nacht rübergefahren. Nachdem ich 24 Stunden auf den Beinen war und einer fast schlaflosen Nacht bin ich um halb acht morgens in den Nieukerker Bahnhof eingefahren.

Weihnachten war so schön und irgendwie wie immer, sodass ich fast vergessen hätte, dass ich ja nur zu Besuch in Deutschland bin. Die viereinhalb Tagen, die ich dann wirklich zu Hause war und nicht irgendwo unterwegs, habe ich natürlich voll ausgenutzt.

Am 29. sind wir morgens zurück gefahren, zusammen mit meinen Freunden Charly und Jonathan. Nach neun Stunden (!!!) Busfahrt waren wir dann in Paris und haben uns da noch Jule und Josi getroffen, die auch beide aus Deutschland kommen und einen Freiwilligendienst in Frankreich machen. Wir fünf sind dann zu mir gefahren, um für eine Woche in meiner ein-Zimmer-Wohnung zu schlafen, die ich so grob (mit Schritten abgemessen) auf ca. 30 m² beziffere und mit Einrichtung und Wänden dann noch um einiges kleiner. Wir sind zum Glück alle gut klar gekommen und es gab keinen Gruppenkoller. 

Das lag natürlich daran, dass wir allesamt coole Leute sind und zum anderen hatten wir genug Auslauf... Eine Woche Hardcore Paris. Allein schon die fünf Kilometer zum Bahnhof, die wir oft genug laufen mussten oder vom Bahnhof zu mir, weil fast nie zur passenden Zeit Busse fahren.

In Paris sind wir auch ganz viel gelaufen, denn zu Fuß kann man einfach am besten Paris entdecken.

Zu fünft unterm Eiffelturm Abends im Jardin des Tuileries mit Blick auf den Louvre und den hell erleuchteten Arc de Triomphe du Caroussel

Silvester sind wir dann erst spätnachmittags nach Paris gefahren. Der Plan war, um Mitternacht am Montmartre zu sein, weil man von da aus einen so guten Blick über die Stadt hat. Wo kann man das neue Jahr schon besser verbringen als über den Dächern von Paris? Jule, Josi und ich sind erst noch über den Montmartre geschlendert und haben uns sogar in einen Gottesdienst in der großen Kathedrale Sacre Cœur gesetzt, denn wir hatten noch alle Zeit der Welt und das war auch total schön mit dem Gesang bei der Hammer-Akustik.

Weil wir immer noch so viel Zeit hatten, und am Montmartre ziemlich viel Gewusel war, sind wir dann noch wieder in die Stadt reingefahren und da weiter rumgeschlendert bis zur Île Saint-Louis und in den kleinen Park am Ende der Insel, an dem die Seine sich teilt. Es war unglaublich, wie ausgestorben Paris auch sein kann. Wo waren all die Menschen hin? So leer und irgendwie düster war es. In dem Park waren noch nicht mal Straßenlaternen an und das so zentral in Paris, fast schon gespenstisch. Da saßen wir dann, ganz allein im Park und haben geredet und man konnte sogar noch die Spitze des Eiffelturms sehen. Wunderbare Zeiten. Später sind wir dann wieder zum Montmartre gefahren. An den überfüllten Metros konnte man erahnen, dass Champs-Elysées, Eiffelturm und auch Montmartre wohl zu den beliebtesten Silvester-Zielen gehört. Letztendlich haben wir uns mit den anderen wiedergetroffen und zusammen in das neue Jahr gefeiert. Man glaubt es kaum, aber es gibt wirklich kein Feuerwerk in Frankreich. Ein paar einzelne kleine Raketen, kaum nennenswert. Ich fand das nicht störend. Wir mussten den letzten und einzigen Zug nachts um eins zurücknehmen und sind danach noch schön die besagten fünf Kilometer hoch zu mir gelaufen. Eine einzigartige Nacht!

Blick vom Montmartre am frühen Silvesterabend

Am ersten Januar 2015 haben wir den größten Friedhof in Paris "Père Lachaise" besucht, auf dem unter anderem Berühmtheiten wie der Komponist Frédéric Chopin, Jim Morrison oder Oscar Wilde liegen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich einen Friedhof so beeindruckend finden würde, aber seht selbst.

So viele Grabstätten waren am Friedhof Père Lachaise offen und ziemlich alt.Bei Nacht mit der richtigen Musik durchaus horrorfilmtauglich finde ich. Da allerdings nicht. Père Lachaise Grab Oscar WildeHolocaust Monument im Sonnenuntergang

Versailles haben wir Freitag besucht, für mich war es ja schon das zweite Mal und so hatte ich einen ziemlich guten Vergleich von Paris außerhalb und während der Touristensaison sprich zwischen gar nicht und einer gute Stunde anstehen. Dieses riesige Schloss war einfach voll!

Auch beim zweiten Mal hatte ich mich noch nicht sattgesehen und auch beim zehnten Besuch entdeckt man garantiert immer noch so viele neue Dinge. Versailles ist ja nicht nur ein prunkvolles Schloss und nicht nur ein architektonisches Meisterwerk und nicht nur ein Museum und nicht nur eine Galerie und nicht nur ein geschichtsträchtiger Ort und nicht nur ein gigantischer Garten, sondern einfach alles zusammen!

leicht überfüllter Spiegelsaal Bilder, Marmor, Leute überall

Nachmittags sind wir wieder nach Paris gefahren und da noch ein bisschen rumspaziert.

Seine am Abend

Nach einer schönen, vollen, anstrengenden und erfüllenden Woche war ich dann ab Sonntagnachmittag wieder alleine und konnte das zum Glück auch genießen. Die Bude wieder auf Vordermann zu bringen, hat dann auch noch einen beträchtlichen Teil des Sonntags eingenommen. Es war gut, nach Weihnachten nicht direkt wieder komplett alleine zu sein, sondern erstmal mit Freunden unterwegs zu sein. Danke Leute für euren Besuch, war geil.

Es weihnachtet so schön!

Dienstag, 09.12.2014

Heute Nacht hat es das erste Mal gefroren. Das war ganz schön, im Moment gehe ich immer zu Fuß und warm eingemuckelt zur Résidence, das ist viel angenehmer als mit dem Fahrrad (ich berichtete von den dortigen Fahrrädern). In meiner Wohnung ist mir allerdings oft kalt trotz Heizung. So gut sind die Fenster nicht isoliert, an manchen Stellen zieht es ein bisschen und der Fliesenboden ist verdammt kalt. Danke Oma für deine Stricksocken!

Jetzt erstmal ein paar sehr schöne Nachrichten: Seit Donnerstag habe ich wieder einen kompletten Schneidezahn, das erhöht doch erheblich die Lebensqualität!

Alles ist ganz schön dekoriert: in Nanteuil, in der Résidence und auch in Paris. Wir haben einen Tannenbaum im accueil de jour.

Tannenbaum im accueil de jour Galeries Lafayette Paris - kaum übertrieben, kaum kitschig... Galeries Lafayette Paris - beeindruckend

Samstag konnten Sarah und ich Paris im Weihnachtsrausch erleben. Ganz viele Menschen bei ihren Weihnachtseinkäufen. Irgendwas zwischen Hektik und Entspannung. Ein ständiges an- und ausziehen von den Winterjacken, wenn man in die Geschäfte rein- und rausgeht. Mysteriöse Verkäufer von gebrannten Maronen auf selbstgemachten Grillen. Verkleidete Nikoläuse, die für Fotos posieren. Staunende Kinder vor großen Schaufenstern, richtig klischeehaft. Schlange stehen in der Metro an den Stationen des Weihnachtsmarktes auf der Champs-Elysées... Sowas kommt auch selten vor bei einer Metro, die alle vier Minuten hunderte von Leuten mitnimmt.

Champs-Elysées auf ein zweites.

Heute gab es vormittags in der Résidence eine Schulung für alle. Was ist zu tun, wenn mal ein Feuer ausbricht? Dazu kam ein Feuerwehrmann und hat uns aufgeklärt. Die Wahrscheinlichkeit eines Feuers ist zwar relativ unwahrscheinlich und zum Glück gibt es genug feuersichere Türen, aber bei manchen Résidents würde es schwierig, sie zu evakuieren bzw. aus ihrem Zimmer zu bekommen. Angst und Sturheit verbunden damit, dass sie den Ernst der Lage nicht verstehen und sich nicht bewegen wollen. Oder das Gegenteil: Résidents, die die ganze Zeit rumlaufen und nicht da bleiben, wo sie sollten. Das kann gefährlich werden bei einem Feuer. Aber im Großen und Ganzen ist man gut vorbereitet.

Heute Nachmittag waren fast alle Résidents und die Educateurs in der Sucrerie, einer ehemaligen Zuckerfabrik, die jetzt Veranstaltungssaal ist. Dort fand die Weihnachtsfeier der AEDE statt, die ja 17 Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen in dieser Region Frankreichs betreibt. (http://www.aede.fr/carte-des-etablissements/) Es waren nur Menschen aus einigen Einrichtungen da, sonst wären es viel zu viele Leute gewesen. Die Weihnachtsfeier wird aufgeteilt in mehrere Etappen, damit alle daran teilnehmen können. Aber wir waren so ganz grob geschätzt 300 inklusive natürlich des ganzen Teams. Da wird einem doch mal bewusst, wieviele Menschen mit einer körperlichen/ geistigen Behinderung doch in unserer Gesellschaft leben.

Zuerst hat ein Bauchredner sein Können zum Besten gegeben und die Stimmung war bombig. Ich hatte meine Probleme, dabei alles zu verstehen mit den Wortwitzen und der verstellten Stimme, aber interessant war es trotzdem. Dann gab es noch einen Kuchenwettbewerb zwischen den verschiedenen Residenzen und Einrichtungen. Die Résidence des Servins hat leider nicht gewonnen. Aber nachher konnte man alle Kuchen probieren... sehr lecker!

Insgesamt ein bereichernder und schöner Tag, der mal wieder super schnell rumgegangen ist.

Jetzt mal was ganz anderes: Manche Ausdrucksweisen hier sind einfach so geil, dass ich sie hier festhalten muss.

  • "La vache!"
    • wörtlich: "Die Kuh!"
    • sinnlich: "Krass!"; "Meine Güte!"
  • "La forme, la pêche, la patate?"
    • wörtlich: "Die Form, der Pfirsich, die Kartoffel?"
    • sinnlich: "Alles klar?"; "Wie geht´s?"
  • "C´est le bordel!"
    • wörtlich: "Was für ein Bordell!"
    • sinnlich: "Was für ein Chaos!"

So, heute ist mein hundertster Tag hier und in neun Tagen fahre ich nach Hause für Weihnachten. Macht es gut und A Plus!

Was für eine Woche!

Sonntag, 30.11.2014

Mittwoch waren wir mit der ganzen Résidence in Reims auf dem Weihnachtsmarkt. Wirklich alle: Die Résidents und Educateurs, die Direktion, die Sekretärin als auch die Reinigungskräfte und Praktikanten. Waren mit den Résidents in Kleingruppen unterwegs und haben uns erstmal die Kathedrale angeschaut, die Größte in Frankreich; das Kirchenschiff ist 140 Meter lang. Sie sieht fast genauso aus wie Notre Dame in Paris - und heißt auch genauso ("unsere Dame").

Kathedrale von Reims (mit Gerüst)Weihnachtsmarkt Reims

Dann waren wir indisch essen und sind über den Weihnachtsmarkt gelaufen. Er ist schon ganz schön, auch weil Reims eine hübsche Stadt ist, aber deutsche Weihnachtsmärkte sind schon oft reizvoller. Ich erzähle jetzt einfach mal wieder von D., von dem ich schon in dem letzten Eintrag berichtet habe. Er spricht einfach mal wildfremde Leute oder Verkäufer auf dem Markt an und sagt, dass die Schokolade, die sie verkaufen, sehr gut ist, obwohl er überhaupt nicht probiert hat. Es war lustig. Und dieser 75jährige Mann hat sich wie ein Honigkuchenpferd gefreut, als er sich eine blinkende Weihnachtsmütze gekauft hat. An dieser Lebensfreude können sich viele noch eine Scheibe abschneiden.

Donnerstag Abend kam dann Sarah und hat mich besucht. Wir wollten dann wieder mit Fahrrad und Inlinern den Berg hoch, Warnweste und Licht - alles vorbildlich und sogar auf dem Bürgersteig. Leider hat dann ein Auto, das von einem Parkplatz auf die Straße wollte, nicht geguckt. Ich bin vorgefahren und habe das Auto fast gestreift, der Fahrer müsste mich zwangsweise gesehen haben, wenn er geguckt hätte. Er ist aber losgefahren und hat Sarah voll erwischt. Fahrrad Totalschaden, Sarah zum Glück nur blaue Flecken. Ich sehe das positiv, die betroffene Straße ist vielbefahren - da hätte auch mehr passieren können. Jetzt fängt nur alles erst an mit Versicherung und dem ganzen nervigen Gedöns. Immerhin hat der Mann uns nach Hause gefahren, aber das war ja auch das Mindeste...

Mein Fahrrad nach dem Unfall und vor dem Klau

Freitag Morgen sind wir dann erst mal zu Fuß zur Résidence (25min) und haben uns zwei Fahrräder geholt. Die sind allerdings zu klein, ungemütlich, unaufgepumpt, ohne Gepäckträger, ohne Korb, ohne Klingel, ohne funktionierende Gangschaltung. Und ohne Licht - einfach keins angebaut (schon im Neuzustand ohne Licht). Unglaublich eigentlich. Deswegen war ich so glücklich mit meinem verkehrstauglichen Hollandrad von zu Hause, auch wenn es schon 20 Jahre alt war. Vor allem, weil ich meistens unterwegs bin, wenn es dunkel ist.

Im Anschluss waren wir mit diesen wunderbaren Fahrrädern einkaufen und haben immerhin schön gefrühstückt. Frisch gestärkt wollten wir runter nach Meaux und es kam der zweite Hammer am zweiten Tag. Das rote, alte, völlig kaputte Fahrrad, das ordentlich doppelt bei der Unfallstelle angeschlossen war, wurde geklaut. Da kam einem der gestrige Abend fast wie ein Traum vor. Was für ne Schei... Ich versteh es einfach nicht.

Samstag. Sarah und ich sind schon sehr früh aufgestanden, damit wir pünktlich um halb zehn in Paris Invalides waren. Wir haben eine "Paris Underground" Tour gebucht, um auch mal was antitouristisches zu machen. Eine Tour durch die "Métropolitain" unter der Erde von Paris - alles auf Französisch. Die Métro wurde übriges 1900 pünktlich zur Weltausstellung fertig gestellt, nachdem man vorher 50 Jahre lang diskutiert hatte. Wir haben von nie eröffneten Metrostationen erfahren, Tunnel gesehen, die dafür gebaut wurden, all das Bargeld zu transportieren, als es noch keine Metrotickets gab. Zuletzt haben waren wir in einer Metrostation, die 1939 aufgrund des Krieges geschlossen wurde und seitdem nicht mehr geöffnet wurde.

Original 3D Werbung aus den 1930er Jahren in der geschlossen Metrostation Original 3D Werbung aus den 1930er Jahren in der geschlossen Metrostation

 

Seine am Morgen

Später waren wir auf dem Weihnachtsmarkt der Champs-Elysées. Aber in Deutschland gibt es wirklich schönere Weihnachtsmärkte. Es war einfach so fürchterlich voll und ganz viel kitschiges, überteuertes Touristenzeugs.

Weihnachtsmarkt Champs-Elysées mit Arc de Triomphe im HintergrundPlace de la Concorde am Abend

Ich bin übrigens immer wieder überrascht, wie teuer Paris einfach ist. Ein Cappuccino für 6,20€ ist keine Seltenheit. Ebenso wie ein belegtes Baguette für 9€. Ich falle immer noch regelmäßig aus den Socken, obwohl mir bewusst ist, dass Paris zu den teuersten Städten der Welt zählt. Dafür auch zu den Schönsten.

Dazu kam dann Samstag der dritte Hammer: Ich habe meinen halben Schneidezahn verloren. Vor sechs Jahren habe ich mir mal einen halben Schneidezahn ausgeschlagen, als ich auf dem Einrad hingefallen bin. Jetzt hat wohl der Klebstoff nachgelassen. Sieht schön aus...

Heute bin ich dann mit Sarah hier in Meaux ins Kino gegangen in den dritten Teil der Tribute von Panem "La Révolte". Das war mal entspannt nach gestern. Bis jetzt ist heute noch kein viertes Unglück eingetreten, hoffentlich bleibt das so.

Ansonsten eine schöne Vorweihnachtszeit und 1. Advent euch allen! A Plus!

Mein bescheidener Adventskranz. Aber Hauptsache, man hat einen!

Ein relativ normaler Arbeitstag

Dienstag, 25.11.2014

Relativ normal, weil ja doch kein Tag genauso wie der andere ist.

Ich beginne um 08:45 Uhr und fahre acht Minuten mit dem Fahrrad von meinem Studio aus. Ich arbeite ja beim "accueil de jour", also der Tagesbetreuung. Das sind sechs Leute pro Tag, donnerstags sogar sieben. Die trudeln dann alle nacheinander ein, bis viertel nach neun sind meistens alle da. Manche Résidents werden von Familienmitgliedern gebracht, manche von Mitarbeitern anderer Wohnbetreuungen und manche von der PAM. Die PAM ist ein Transport für die Menschen mit einer Behinderung. Dann trinken sie einen Tee oder Kaffee, unterhalten sich... Alle zwei Wochen machen wir, ich und Delphine, eine Réunion, also eine Besprechung. Dann reden wir mit den Résidents über Organisatorisches, sie können Dinge anmerken oder vom Wochenende erzählen, was auch immer. Manchmal malen sie, meistens (thematische) Ausmalbilder, z.B. zu Halloween oder Weihnachten. Der Morgen geht schnell rum.

Ich versuche immer, meine Vokabeln zu wiederholen, denn - man glaubt es kaum - ich führe wirklich eine Art Vokabelheft. Bei der Masse, die einfach an neuen Vokabeln dazukommt, hilft das extrem, außerdem hat die Aussprache im Französischen nicht unbedingt etwas mit der Schreiweise zu tun und dann habe ich so direkt den Artikel. Meistens komme ich sowieso nicht wirklich zum wiederholen, weil es nicht gerade leise beim accueil de jour ist und sowieso immer irgendwas dazwischenkommt und hab da nur alibimäßig mein Büchlein liegen.

Zudem kommen noch viele der anderen Résidents, die in der Résidence wohnen, vorbei,  sagen "hallo" und plaudern ein bisschen. Da möchte ich mal exemplarisch D. vorstellen. D. ist 75 Jahre alt und somit der älteste Résident, ist aber noch fitter als die meisten anderen Leute mit 75 Jahren. Das liegt unter anderem daran, dass er super gerne Blätter zusammenfegt in dem großen Garten der Résidence. Zum 70. Geburtstag hat er unter anderem einen nigelnagelneuen Rechen geschenkt bekommen für all die Blätter. Oft kommt er morgens an und sagt: ´"J´ai ramassé toutes les feuilles la nuit!", also er habe in der Nacht sämtliche Blätter aufgesammelt. Das stimmt natürlich nicht, aber es ist trotzdem immer witzig mit D. Wenn er redet, sollte man jedoch lieber einen Sicherheitsabstand einhalten (was eh nie funktioniert), weil man sonst riskiert, ein bisschen zu duschen. Was ich an D. noch so sympathisch finde, ist seine Lebensfreude. Er hat eigentlich immer gute Laune und ist "en forme"; Er möchte 100 Jahre alt werden. Wenn D. sich freut, während er spricht, überschlägt sich seine Stimme, was ziemlich oft vorkommt. D. sagt auch häufig zu mir: "Tu es la plus belle femme du monde!", also dass ich die schönste Frau der Welt sei. Allerdings bin ich nicht die Einzige, er sagt das am Tag etwa zehn Mal zu zehn verschiedenen Leuten.

Das mal exemplarisch dafür, wie viel man über jeden Einzelnen erzählen könnte.

Heute war ich morgens noch kurz auf der 1. Etage, weil Donnerstag wieder deutsch gekocht wird und noch Ideen gebraucht wurden.

Normalerweise gehen treffen sich alle Résidents und Educateurs morgens um 10:15 Uhr in einem großen Raum, um sich für die angebotenen Aktivitäten (ich berichtete) einzuschreiben. Ich bin mit Delphine aber direkt los zum Reiten, denn das sind immer dieselben Résidents, das geht schneller. Im Moment kommt auch noch eine Praktikantin zum Reiten (Praktikanten sind sowieso cool, nette Leute in meinem Alter!!!). Es gibt zwei Gruppen mit je drei Leuten für das Reiten, die sich wöchentlich abwechseln. Dann fahren wir mit dem Auto zum "Club hippique de Meaux".

Ach ja, kleiner Einschub mal wieder: D., von dem ich oben berichtete, kommt auch immer mit zum Stall. Als ich gerade im September angekommen war, gab es eine längere Pause mit dem Reiten. D. hat bestimmt drei Wochen vorher angefangen, die Tage runterzuzählen, wann wir wieder zum Pferd gehen und jeden Tag aufs neue gefragt. Ich bin aufgrund dieser unglaublichen Vorfreude natürlich davon ausgegangen, dass er auch reitet. Wir kamen jedenfalls am Stall an und er nimmt voller Freude den Besen und fegt einfach die gute Stunde, die wir da sind. Das ist ja dem Blätteraufsammeln ähnlich. Als wir zurückgefahen sind, sagt er voller Freude: "Sie haben einen neuen Besen." Mega witzig. Und die "Stallburschen", die sich um die Pferde kümmern, bezeichnet er als seine Freunde und Kumpel. D. ist echt ein cooler Kerl.

Den anderen helfen wir, ihr Pony fertig zu machen zusammen mit der Frau aus dem club hippique, die das alles leitet. Dann wird in der Halle gearbeitet, was meistens aus kleinen Parcours besteht. Zweimal waren wir ja auch schon ausreiten. Ich könnte das hier noch alles viel weiter ausführen, aber dann endet dieser Eintrag nie, ich bin ja noch beim Vormittag.

Kleiner Parcours Warmreiten

Nach dem Reiten gibt es Mittagessen in der Résidence, um 12:15 Uhr. Es gibt einfach jeeeden Tag Fleisch oder Fisch. Für mich bleibt da als Warmes oft nicht viel, oft nur trockener Reis oder nur (nicht selbstgemachtes) Kartoffelpüree, manchmal auch nur Gemüse oder heute nur Salat... Aber der Koch ist trotzdem mega korrekt!

Dienstags nachmittags gibt es keine Aktivitäten, weil dann immer die Réunions zwischen den Mitarbeitern und der Leitung stattfinden, wo alles Mögliche besprochen wird. Ich nehme da aber nicht teil, weil ja auch irgendjemand bei den Résidents sein muss. Das birgt natürlich auch Herausforderungen für mich, es zwei Stunden lang nicht langweilig werden zu lassen. Aber die Résidents vom acueil de jour können dann praktisch machen, was sie wollen. N. geht dann z.B. immer zu ihrem Freund, der in der Résidence wohnt, mit dem sie seit drei Jahren zusammen ist. An. geht oft spazieren im Garten.

Ich habe dann mal angefangen, Weihnachtsdekoration herzustellen mit den Résidents, die da waren. Inzwischen komme ich damit auch allein ganz gut zurecht. Aber es ist nicht einfach, umzuschalten, weil alle Menschen dort so verschieden sind: Es gibt z.B. zwei Leute mit Trisomie 21, also Down-Syndrom (doch die beiden sind schon völlig verschieden), G. hat extreme Demenz (Alzheimer) noch zusätzlich zu der Behinderung.Er hat schon Schwierigkeiten, den Weg zum Klo zu finden - und das ist nun wirklich nicht kompliziert - und die Demenz bewirkt auch, dass er oft Schimpfwörter sagt, flucht, sich selbst abschottet... A. redet z.B. einfach ununterbrochen, was zwei Stunden am Stück schon anstrengend sein kann - vor allem, wenn man sich unglaublich oft wiederholt.

Generell wird am accueil de jour auch total viel gelacht. Es ist nicht schwierig, die Leute zum Lachen zu bringen und gute Stimmung zu machen. Zum Glück haben alle Humor. Auch An. hat die Lacher immer auf seiner Seite. Er hat Trisomie 21 und ist relativ unselbstständig, Probleme mit der Sprache. Aber er ist einfach ein Witzbold und Clown und allein schon, wenn er zu einem Lied im Radio tanzt, ist das entertainerisch im positiven Sinne. Also zum Glück (fast) immer eine gute Atmosphäre.

Natürlich sind nicht alle Résidents immer so einfach und oft verstehe ich sie akustisch nicht. Aber das ist nicht unbedigt, weil ich deutsch bin, ich bin nicht die Einzige. Auch die französischen Educateurs verstehen nicht immer, was die Résidents sagen. Manche reden einfach undeutlich, nuscheln, reden zu schnell. Dann ist es nicht immer einfach, die Probleme zu lösen, wenn man nur die Hälfte des Probems verstanden hat. Aber ich komme immer besser zurecht.

Was noch schön ist, ist die Toleranz und Akzeptanz mit der sich alle (allermeistens) begegnen. Wenn mal jemand zwei Minuten braucht, um einen Satz zu formulieren oder nur ein Wort, ist das okay. Oder jemand braucht fünf Minuten, um seine Jacke anzuziehen, dann wird sich gegenseitig geholfen, genauso wie beim Ausmalen, Ausschneiden, bei allerlei Dingen bleibt man erstmal entspannt. Ich habe ja auch in gewisser Weise eine Behinderung, weil ich einfach noch nicht alles in französisch verstehe, aber es ist einfach nicht schlimm.

Um viertel nach fünf habe ich dann Feierabend. Dann gehe ich noch manchmal einkaufen, aber es ist s oder s dunken, wenn ich nach Hause komme.

Fazit: Ich mag meine Arbeit und es wird zum Glück auch nicht langweilig, einfach weil die Menschen so interessant und faszinierend sind und ich so viele Arbeiten in einer habe, das mag ich daran. Außerdem ist "Arbeit" ein weitläufiges Wort.

Ich höre jetzt mal auf mit meinem Roman, obwohl ich natürlich noch immer so weiterschreiben könnte. Ich hoffe, ich konnte euch meine Arbeit ein bisschen näherbringen und ein bisschen personalisieren.

Ich muss jetzt schlafen, morgen machen wir mit der ganzen Résidence, mit allen einen großen Ausflug nach Reims auf den Weihnachtsmarkt und ich freue mich schon richtig!

Neulich, direkt nach der Arbeit. Inzwischen ist es komplett dunkel, wenn ich Schluss habe.

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